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Im Tal der Kamillen

Eine Erzählung von Vladimir Lorchenkow

Aus dem Russischen von Mathias Althaler

Vladimir Lorchenkow, 1979 in Kisinev in Moldawien geboren, ist Journalist und Schriftsteller. Er lebte in Ungarn, in der arktischen Region von Russland (Zapoliarie), in Transbaikalien (Osten Russlands/Sibiriens), Weißrussland und der Mongolei. Gewann mehrere literarischen Auszeichnungen in Russland, u.a. erhielt er die Preise "Debut" (2003) und "Russian Award" (2008). Seine Texte wurden in Serbien, Italien, Deutschland, Norwegen, Finnland und den USA veröffentlicht. Er lebt in Kischinjow.

 

 

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„Kjoso-schnaidechnerlen“, sagte er.

„Ja, ja, schon klar“, sagte ich.

„Elche schwalche estergom“, sagte er.

„Ich versteh' ja sowieso kein Wort“, sagte ich.

„Kjoso roma, madjaren“, sagte er.

„Ade“, sagte ich.


Würdevoll verneigte er sich und ging davon, ein paar Mal drehte er sich noch um. Ich wartete so lange, bis er nicht mehr zu sehen war. Die Straße, in der er verschwand, war menschenleer und erinnerte an eine Märchenstadt aus der Feder der Gebrüder Grimm. Schokoladengemäuer, Marmeladendächer und die Tante des Königs, die in ihren genagelten Stiefeln auf dem Ball – vor der Erhängung – das Tanzbein schwingt. Alles hier ist so … ungarisch! Oder, genauer gesagt, österreichisch-ungarisch. Wegen der Monarchie sind hier ja alle gleich geworden, ja, ich versuchte, mich an den Geschichtsunterricht zu erinnern, während ich mir durch das Gestrüpp den Weg zur Militärsiedlung bahnte. Das Habsburgerreich. Die waren schon arm dran mit den Balkanbewohnern, wie die Russen mit den Sowjetvölkern, ich erinnerte mich daran, was der Schriftsteller Solschenizyn einmal während einer Vorlesung bei uns in Chişinău gesagt hatte. Der Eintritt kostete fünfzig Dollar.

Solschenizyn schwang andauernd die Fäuste und sprach davon, dass wir schon bald das Fünfte Rom sein würden. Als ich mir im Anschluss ein Autogramm von ihm holen wollte – am besten gefiel mir sein Werk „Russen und Juden – Zweihundert Jahre zusammen – aber keiner da zum Anstoßen“, fragte er:

 

„Was hast du da?“

„Ein Manuskript“, gestand ich verschämt.

Wohlwollend nahm er es in die Hand und blätterte darin.

Er sagte:

„Junge, von deiner Sorte gibt’s jetzt Millionen. Halb Russland schreibt, es wimmelt nur so von Schriftstellern, aber keiner liest das alles.“

„Aber Sie haben es ja nicht einmal...“, antwortete ich immer noch verlegen.

„Junge, heutzutage, da hat Text keine Bedeutung“, sagte er. „Gefragt sind Action und Skandale. Hier, zum Beispiel...“

„Denk dran' Kleiner“, fuhr er fort „du bist nicht einfach nur ein Junge. Du bist ein Erbe des Roten Imperiums. Deine Großväter haben Fabriken in Sibirien erbaut.“

„Nein, also Aufseher gab's bei uns in der Familie keine“, entgegnete ich. „Ich stamme aus einer Familie von Militärs...“

 

Solschenizyn schwieg. Ich gab ihm noch einmal fünfzig Dollar.

„Also gut, fahr in irgendeine ehemalige sowjetische Militärsiedlung“, sagte er.

„Schlag drei meiner Bücher auf und ruf die Geister der sowjetischen Titanen herbei. Wer weiß, vielleicht bist ja gerade du der Prophet, der dazu berufen ist, den guten Willen von Millionen Russen wieder auf die Erde zurückzuholen, die mit ihrer Kultur einen wahrhaftigen Energieknall vollbracht haben. Rufe die Geister von Stalin und Lenin, von Trotzki und Tolstoi, von Djagilew und Nabokow herbei.“

 

…ich hatte wohl keine andere Wahl.

 

Auf dem Planeten gab es nur eine einzige heilgebliebene Militärsiedlung, in der ich  irgendwann einmal gelebt hatte. Und das war glücklicherweise die Militärsiedlung im ungarischen Zegled, direkt an der österreichischen Grenze.
Natürlich, so stellte sich bei meinen Recherchen auf Google-Maps und in Internet-Foren heraus, war die Siedlung weitgehend verlassen. Um die anderen stand es allerdings noch viel schlimmer.

 

Die Siedlung in Komárom, einer Kleinstadt in Ungarn haben sie aufgelassen, nachdem in den örtlichen Kasernen zuerst die Husaren des Habsburgerreichs, dann die Revolutionsarmee von Béla Kun, anschließend die Gestapo und danach die sowjetischen Truppen gehaust hatten, und... Überhaupt, so verkündete der Bürgermeister von Komárom beim Durchschneiden des roten Bandes am Tag der Abrisszeremonie: „Irgendetwas stimmt mit diesen Gebäuden nicht, reißen wir sie also besser ab.“

 

Aus der Siedlung im Städtchen Luostari am äußersten Rand der entlegensten Ecke des Hohen Nordens zogen die Bewohner vor zwanzig Jahren weg, zurück blieb nur ein Alkoholiker, Major Petrow. Dieser leerte die letzte Kiste Wodka und beschloss, dass er sich an Bord eines sinkenden U-Boots befand – beim Blick aus dem Fenster bot sich allein die Polarnacht – und begann, SOS-Signale über das Radio zu versenden. Zwei Schiffe der norwegischen Küstenwache fielen auf diesen Streich herein und liefen auf Grund.

 

Überall war es dasselbe. Beim Durchstöbern der Informationen aus dem Internet wurde mir bewusst, dass Solschenizyn recht hatte. In der Tat war weltweit eine intensive Zerstörung ehemaliger sowjetischer Militärsiedlungen im Gange – genauso wie die Tempel der Maya einst von erbarmungslosen Inquisitoren und Konquistadoren vernichtet worden waren.

 

Alles wurde dem Erdboden gleichgemacht, alles. Der einzige einigermaßen heilgebliebene Ort war die Siedlung in Zegled. Und dann wurde ich auch noch nach Österreich eingeladen, ins Museum. Nein, davon, dass man mich ausnehmen, abfüllen und als Exponat in Wien ausstellen sollte, war da noch gar nicht die Rede. Ich wurde als writer in residence ins MuseumsQuartier eingeladen. Ungarn und Zegled lagen auf dem Weg dorthin. Ich gelangte zur Erkenntnis: Es war Schicksal.

 

XXX

 

Ich würde nicht gerade sagen, dass der erste Eindruck umwerfend war. Vielmehr empfand ich Trauer. Die Siedlung mit ihren 20 Häusern, einem heruntergekommenen Freibad, einem Stadion, Kasernen und einem Platz – dem ewigen, unveränderlichen, immergleichen Platz direkt im Zentrum – machte von außen einen bewohnbaren Eindruck. Nur die Bewohner selbst schienen irgendwohin verschwunden zu sein.

 

Als ich gerade das Gebüsch überwand, das am Zaun der Siedlung emporwuchs, dachte ich, dass womöglich ausgerechnet jetzt eine dieser unnötigen Militärspartakiaden stattfindet, sodass sich gerade alle Bewohner in einem Stadion außerhalb der Siedlung versammelt haben. Die Frauen schießen aus Makarow-Pistolen auf reife Quitten, um sich die Auszeichnung Frau des Offiziers zu verdienen, die Männer spielen Volleyball und die Kinder feuern ihre Väter an, begutachten die Fehlschüsse der Mütter und verspeisen Fladenbrot mit Knoblauch-Pfeffer-Soße...

Vielleicht hat aber auch dieser bürgerliche Striptease-Tanz in die Siedlung Einzug gehalten, und sie sind alle losgezogen, um gemeinschaftlich darüber zu diskutieren? Oder aber irgendein Genosse Offizier hält sich in der Stadt auf, und deshalb läuft im Kabelfernsehen „Tom und Jerry“, sodass die Kinder in den Häusern bleiben und nicht das Straßenbild stören?

 

Das galt es zu überprüfen.

 

Ich fand Haus Nummer fünf, Eingang drei und aus irgendeinem Grund begann mein Herz zu pochen.

 

Ich ging nach oben in den fünften Stock. Natürlich sah aus der Nähe nicht alles so gut aus, wie von Weitem. Der Verputz war von Rissen durchzogen, im Keller schwänzelten die Ratten offen umher und dem Treppengeländer fehlte der Handlauf. Verfluchte Ungarn, dachte ich. Kein Respekt vor einem Denkmal sowjetischer Besatzung.

 

In der Wohnung war alles genau so, wie zum Zeitpunkt, als wir sie verlassen hatten. Die Tapete wellte sich, die feuchte, aufgequollene Fußleiste krümmte sich. In der Küche gab es sogar noch irgendwelche Möbel... Ich blickte aus dem Fenster. Vor dem Haus stand immer noch weiß das Kamillenfeld, wohin mich die Mutter zum Blumenpflücken geschickt hatte. Ich war so klein und die Kamillen so groß, dass ich mich durch das Feld kämpfen musste und mir dabei mühevoll den Weg durch das Dickicht aus Gras und Blumen bahnte, wie durch ein wogendes Roggenfeld. Ich schaute nach unten, dann schloss ich das Fenster. Ich ging in mein Zimmer und erinnerte mich daran, dass ich die ganze Nacht im Bus nicht geschlafen hatte. Ich legte mich hin und rollte mich zusammen. Ich fühlte mich genau so leer und kaputt wie dieses Haus. Ich befahl mir, mich nicht selbst zu bemitleiden. Ein Befehl, den ich nicht auszuführen vermochte. Ich deckte mich mit der Jacke zu und schlief ein.

 

„Wach auf“, sagte sie.

„Hmm“, brummte ich.

 

Ich setze mich auf und lehnte mich mit dem Rücken an die Wand. Vor mir saß Tatjana Nikolajewna. Meine erste Lehrerin.

 

„Hallo, Kleiner. Wie schön, dich zu sehen.“

 

Sie umarmte mich und brach in Tränen aus.

 

„Sind … sind Sie auch zum Nostalgieren gekommen?“, fragte ich.

 

Schweigend nahm sie mich an der Hand und wir gingen hinaus zum Eingang.

 

„Wie hast du die Siedlung gefunden?“, fragte sie.

„Ein Ungar hat mich hergebracht...“

„Übrigens, was bedeutet dieses Kjosondr kjosondr sekeschfekeschwarche“, fragte ich.

„Wolodja!“, ermahnte sie „du fluchst immer noch wie ein Landsknecht!“

„Tatjana Nikolejewna, ich bin schon 35...“, erwiderte ich.

„Also gut. Das bedeutet verdammter russischer Chauvinist“.

„Ich, ein Chauvinist ?????“, zeigte ich mich erstaunt.

Dann richtete ich meinen Blick nervös nach oben. Irgendwo dort oben, im zweiten Stock, hingen immer die Spinnen an der Decke, vor denen ich furchtbare Angst hatte. Und draußen im Treppenhaus war es ständig finster. Ich stellte mir dann jedes Mal den gruseligen, schwarzen Typen mit dem Helm und dem Umhang aus dem Film über die Roboter vor, den ich im Kino gesehen hatte, auf ungarisch, ohne Untertitel. Viel später erst erfuhr ich, dass es sich dabei um den Lord des Bösen, Darth Vader, handelte.

Dieser trat aus dem Dunkel und nickte mir - den Helm in Händen haltend - erhaben zu.

„Kjosonom“, sagte er.

Ich erschrak nicht einmal, machte nur den Mund auf und starrte geradeaus, bis Tatjana Nikolajewna mich an der Hand nach unten führte. Im ersten Stockwerk stolperte ich beinahe über irgendetwas. Ich schärfte meinen Blick und erkannte einen Jungen.

„Petja Werchostojew“, erklärte Tatjana Nikolajewna.

„Weißt du noch, du hast ihn darum gebeten, dich zu begleiten. Wolltest du ihm dafür
nicht ein Maschinengewehr schenken?“, fragte sie.

„Seither steht er nämlich da und wartet...“, klärte sie mich auf.

„Tschuldigung, Kleiner...“, sagte ich beim Hinausgehen.

Draußen gingen wir den Weg entlang - feierlich wie General Lebed mit seiner Frau, die
so gerne ihre Kreise zogen im Park einer anderen Militärsiedlung meiner Kindh... egal, wie dem auch sei, dachte ich erbittert – Tatjana Nikolajewna zeigte mir das Freibad. Erstaunlicherweise war es mit Wasser gefüllt.

„Wie denn das“, wunderte ich mich.

„Weißt du noch, hier ist der Leutnant ertrunken“, erinnerte Tatjana Nikolajewna.

„Ja, ein miserabler Pilot“, stieß ich verachtend hervor, das war schließlich einer vom Artillerieverband.

„Brrrrr“, machte plötzlich ein Mann, den Kopf aus dem Wasser reckend.

 

Ich erkannte in ihm den ertrunkenen Leutnant. Mit seiner bleichen Hand winkte er mir zu.

 

Er sagte:

„Seid gegrüßt, ihr trostlosen Artilleristen.“

 

Dann tauchte er wieder unter. Ich schaute hin: Er lag auf dem Grund, öffnete die Augen weit und ließ einen Strahl Luftblasen aufsteigen. Tatjana Nikolajewna hustete taktisch. Ich wandte mich um und sah, dass sie einen traurigen kleinen Jungen in Schuluniform und mit einer Nase, wie jener des großartigen sowjetischen Schauspielers Wizin, an der Hand hielt.

 

„Roma Schreier“, stieß ich voller Freude hervor.

„Weißt du noch, ich wollte dir und deinem Bruder ein Gewehr verkaufen?“, sagte er „...also 1984 war das.“

„Natürlich“, antwortete ich. „Fünfzig Forint haben wir dir bezahlt.“

„Ja, also, es ist so, eigentlich hat der Forint 2002 seinen Wert verloren, stattdessen gibt’s jetzt den Euro...“

„Und?“, wollte ich wissen.

„Ja, ich wollte nochmal über das Gewehr...“, fing er an.

„Du Mistkerl!“, unterbrach ich ihn.

„Pssst“, sagte Tatjana Nikolajewna sanft und hielt mir den Mund zu.

 

Sobald es zu dämmern begann, erwachte die verlassene Siedlung zu neuem Leben. Die Fenster leuchteten auf, das Karussell, das an Wochenenden auf dem Platz aufgestellt wurde, erstrahlte in bunten Farben, und in der Luft lag der Geruch von Würsten und Langosch, das waren diese Fladenbrote mit Knoblauchsoße, die in kleinen Kioskwagen verkauft wurden, wo sie einem von den beim Handeln übrigens sehr zuvorkommenden Ungarn entgegengestreckt wurden. Die Offiziere, kahlgeschorene Herren in Uniform spazierten mit ihren Frauen, Damen mit eigenartigen Frisuren à la Jane Fonda und Jacken mit Schulterpolstern. Feierlich nickten die Paare mir zu. 

 

„Und nun eine Überraschung“, sagte Tatjana Nikolajewna, als wir zum Zaun zwischen
den Häusern und den Kasernen kamen.

„Kletter auf den Baum“, forderte sie mich auf.

 

Ich hob den Blick. Ein Apfelbaum. Ich zog die Jacke aus und kletterte ganz nach oben. Dort, auf den dünnsten Ästen, wurde ich irgendwie ruhig und war zum ersten Mal seit 30 Jahren erleichtert. Durch die Blätter hindurch erblickte ich unten den Wachmann.

Er wandte sich mir zu und sagte:

„Erinnerst du dich, du hast hier ständig Äpfel geklaut...“

„Alter, das war nicht böse gemeint, die waren für den Apfelkuchen...“, rechtfertige ich mich.

„Schon ok, ich wollte ja nur sagen, dass ich dich immer beobachtet habe.

Ich habe absichtlich weggeschaut“, sagte er.

 

Ich kletterte hinunter. Ein zu früh ergrauter junger Mann ging mit Frau und zwei Mädchen an mir vorbei. Ich erinnerte mich nicht an ihn, erkannte ihn aber sofort aus Beschreibungen.

 

„Genosse Stabchef des sowjetischen Truppenteils in Zegled, Aslan Maschadow.

Halten Sie sich bloß raus aus Unabhängigkeitsbestrebungen in der Heimat. Mit Ihnen wird es noch ein schlimmes Ende nehmen“, warnte ich.

 

Er senkte das Haupt und sah mich verständnislos an.

 

Dann ging er weiter – jener Granate der Spezialeinheit entgegen, die in sein letztes Versteck geflogen kam und bei deren Anblick ihm womöglich diese Siedlung in den Sinn kam, das Licht, der friedliche Abend und die Musik des Karussells. Lange noch blickte ich ihm hinterher.

 

Eine Gestalt mit Pistole und schwachsinnigem Gesichtsausdruck rannte vorbei.

 

Sie sagte: „Der Nachschubunteroffizier sucht nach dir. Also, wegen der Erschießung.“

„Wieso?!“, zeigte ich mich empört.

„Es war wohl nicht gerade die beste Idee, alle Gasmasken aus dem Magazin zu klauen, Wolodja“, erklärte sie.

„Das war ich nicht, sondern mein Bruder“, sagte ich schuldig.

„Hallo“, sagte er.

 

Ich traute meinen Augen nicht. Vor mir stand mein Bruder – siebenjährig, schmächtig, die Haare wie immer zerzaust.

 

„Brüderchen, Brüderchen“, rief ich.

 

Ich umarmte den Kleinen. Er sah mich ein wenig ungläubig und neugierig an.

 

„Na sieh mal einer an“, sagte er.

„Bist Kosmonaut geworden, so wie du wolltest.

Ich...“, stammelte ich.

„also, eigentlich, weißt du, ja“.

 

Eine Bande von Jungen auf Fahrrädern raste an uns vorbei. Einer von ihnen - zum Fahrradfahren viel zu klein und deshalb auf dem Rahmen stehend - sah erstaunlicherweise so ähnlich aus wie… Die Jungen grölten aus voller Kehle.

 

„Bésame, bésame mucho“, johlten sie.

 

Schweigend starrte ich ihnen hinterher.

 

„Nimm du dich besser an deiner eigenen Nase“, tadelte mein von Kindesbeinen an besonnener Bruder.

„Du bist auch nicht besser, fährst auf dem Fahrrad rum und singst irgendwelchen Mist daher.

Und dann versuchst du auch noch ständig, die rote Sweta für ein Paar Stück Konfekt zu küssen“, sagte er.

„Ich habe da so meine Zweifel, dass sie bei den Kosmonauten so einen Taugenichts und Blödmann aufnehmen“, fügte er hinzu.

Anstatt zu antworten, umarmte ich ihn noch einmal.

 

Tatjana Nikolajewna hustete taktisch.

 

Ich wandte mich ihr zu und – schwups – war mein Bruder verschwunden. Wahrscheinlich startet er jetzt wieder eine seiner Modellraketen mit den gestohlenen Patronen aus dem Magazin. Natürlich ging weder die Idee mit den Patronen, noch jene mit den Gasmasken auf mein Konto... Ich rief mir alles in Erinnerung.

 

„Der Schreier, dieser Scheißkerl, bekommt garantiert keine fünfzig Forint!“, brüllte ich ins Licht der Siedlung.

„Und  die Maschinengewehrpatronen müssen wir aus dem Loch bei der Tanne wegschaffen“,  schrie ich.

„Vater  weiß, wo wir sie vergraben haben, und wird sie heimlich ausgraben.

Danach  werden wir uns zwanzig Jahre lang in den Arsch beißen, wenn wir nur daran  denken, was mit ihnen passiert ist!“, schrie ich.

 

Beim  Spielplatz wartete wie immer sie auf mich.

„Na  du“, sagte die rote Sweta.

„Bist  mal wieder zu spät dran.

Worauf  wartest du, küssen wir uns?“, sagte sie.

„Heute  mal nicht, Kleine“, antwortete ich.

„Dazu  müsste entweder ich dreißig Jahre jünger oder du dreißig Jahre älter sein“,  sagte ich.

„Dann wartest du eben den ganzen Abend lang“, meinte sie und fügte hinzu:

„Männer“ 

 

Sie  nahm ihre Freundin an der Hand und die beiden machten sich davon.

 

Ich  spazierte die halbe Nacht mit Tatjana Nikolajewna. Die Siedlung lebte – wie immer am Wochenende – ich hörte Gelächter, sah Gesichter und über uns stand der  riesige, gigantische Mond. Es war der Mond meiner Kindheit, den ich mein Leben  lang gesucht hatte und nirgendwo finden konnte – weder im Hohen Norden, noch in  Sibirien oder Moldawien... nirgends. Vielleicht einfach deshalb, weil er für  immer in meiner Kindheit hängen geblieben war. Oder weil er meine Kindheit war.  Dieser riesige, silbern schimmernde Mond. In dessen Schein meine erste Lehrerin  so wunderschön lächelte...

 

„Werden  Sie mich jetzt beißen?“, fragte ich.

„Was?“, antwortete sie.

„Na, ich bin doch nicht blind“, erklärte ich.

„Sie  sehen genau so aus wie vor dreißig Jahren.

Das  heißt, Sie sind entweder das Produkt einer Schizophrenie oder ein Vampir.“

 

Sie  brach in Lachen aus. Sie klatschte Beifall. Dann standen wir auch schon auf dem  Platz, auf den Stufen des riesigen Karussells. Ich sah, dass sich alle Bewohner  der Siedlung hier versammelt hatten... Ich entdeckte sogar den verrückten Kapitän der Aufklärung, der jeden Morgen auf einen Baum kletterte, um dem Specht, der dort in der Höhle wohnte, seine Karatetricks vorzuführen. Die Oberstufenschüler, die mit den Hinterhaltstruppen im Schilf saßen, als wir uns auf dem zugefrorenen Sumpf mit den Ungarn aus der nahegelegenen Schule zu schlägern begannen. Tolik von nebenan, der mir aus einem einzigen Stück Holz eine Maschinenpistole mit abnehmbarem Magazin schnitzte. Und sogar die zwei Schildkröten aus dem ungarischen Entbindungsheim, wo wir sie mit Karotten fütterten und die schwangere Freundin der Mutter besuchten... Der Ungar, der Paprika und Hálászle-Suppe direkt bei sich auf dem Hof verkaufte... Der augenlose Offizier – sie wurden ihm von den Raben im Sandherausgefressen, wohin die Mitreisenden aus dem Zug ihn gestoßen hatten. Der Schuldirektor, der unsere Klasse vergötterte...

 

Die  Musik verstummte allmählich. Die Menschen lächelten, schauten mich an, und zum  ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich inmitten einer Menschenmenge nicht
peinlich berührt.

 

„Stellt euch vor, er glaubt, wir sind Vampire“, verkündete Tatjana Nikolajewna.

Freundliches, sanftes Lachen hallte zum Mond empor, dieser lächelte zurück.

 

„Wolodja,  wir sind keine Vampire“, sagte Tatjana Nikolajewna.

„Wir sind das energetische Abbild der Militärsiedlung.

Weißt  du noch, 1986, als sie drei Tage lang Mickey Maus im Fernsehen zeigten?“,  fragte sie und erklärte:

„Die  pflichtbewussten, ehrenhaften Patrioten des Vaterlandes wussten schon, was los  war.

Sie brachten einen speziellen Apparat in die Siedlung. Und von uns allen wurden energetische Kopien angefertigt.

Unsere Auren, Felder...“, fuhr sie fort.

„Und so wurde das in allen Militärsiedlungen der UdSSR und des sozialistischen
Lagers gemacht.

Danach  brachen die Fluten des tosenden Meeres über unser sowjetisches Atlantis herein. Und es ging unter, aber seine Energie ist an den Orten der Kraft erhalten  geblieben“, sagte sie.

„Das ist wie … beim Trocknen von Lebensmitteln“, meinte sie.

„Wenn du im richtigen Moment Wasser dazugibst, wird alles wieder so wie früher.

Kapierst du das, Kleiner?“

 

Die Musik erklang wieder, das Karussell begann sich wieder zu drehen und die Wolke,  die vor den Mond getreten war, verzog sich. Jetzt durchfluteten die Mondstrahlen alle, die sich auf dem Platz versammelt hatten. Sie wurden von innen mit einem wunderbaren Licht erfüllt, dem außergewöhnlichsten, zartesten und zauberhaftesten Licht, das man sich vorstellen kann. Mein Vater hatte mir einmal erzählt, dass er so etwas nur einmal im Leben gesehen hatte, in Tschernobyl, wo in dieser auf Erden zuvor noch nie dagewesenen Farbe die Flammen loderten. Jetzt löste sich die Menschenmenge auf und ich sah ihn. 


„Ich wünsche dir Gesundheit“, sagte mein Vater.

 

Ohne ein Wort zu sprechen, sah ich ihn an, und er mich. Er war zusammen mit meiner
Mutter da – beide jung, sie natürlich mit Jane Fonda-Frisur – sie hielten sich an der Hand. Neben ihnen standen zwei Jungen, die sich ebenfalls an der Hand hielten. Vater trug seine Feiertagsuniform. Als er zugenommen hatte, ging er morgens immer joggen, ich mit ihm – natürlich lief er meinetwegen absichtlich langsamer – und einmal gab er mir versehentlich eins auf die Nase, als er seine linke Gerade vorführte, und ich strengte mich sehr an, nicht zu loszuheulen, aber es tat so weh, dass mir die Tränen ins Gesicht traten. Schweigend starrten sie mich an, auch die Jungen.

 

„Mama“, sagte ich und fragte:

„Warum hast du dir damals die Haare schneiden lassen?“

„Ich kann ja nicht mein ganzes Leben lang einen knielangen Zopf tragen“, antwortete
sie lachend.

 

Zusammen mit meinem Bruder gingen sie weg... alles verstummte und ich verstand, dass der Augenblick für das große Aufeinandertreffen gekommen war. Ich kauerte mich hin und erblickte mich selbst. Ein netter Junge war das. Wie sich doch die Dinge verändert haben, dachte ich. Warum bin ich nicht ein so guter Junge wie er. Der  Junge aber neigte die ganze Zeit den Kopf etwas zur Seite, blickte schief, nicht gerade, abwesend wie immer – wie gut ich diesen Blick kannte – und ich musste ihn sanft in die Arme nehmen und wieder loslassen.

 

Dann lächelte er, hob den Kopf und sah mir direkt in die Augen.

 

Große, abgrundtiefe, tagsüber braune und nun schwarze Augen, wie der Kosmos, aus dem mir – und der ganzen Welt – der Mond mit den süßen Versprechen einer unbekannten Zukunft entgegenstrahlte. Und ich spüre, dass ich mein Gewicht verliere und mein Gedächtnis verliere und mich selbst verliere. Ich entgleite der Erde und fliege dorthin. In seine Augen. In glänzende Paläste. Erneut erblickte ich den Mond, aber jetzt – riesenhaft. Und die ganze Welt wurde größer, als sie ist. Gigantische Bäume und riesige Erwachsene. Eine von ihnen, mit wunderschönem, langem Haar, sagte etwas zu mir und strich mir über den Kopf. Ich setzte mich aufs Bett und blinzelte schlaftrunken.

„Kleiner“, sagte sie und hielt mir einen Beutel hin.

„Geh Kamillen pflücken.“

 

Und ich begann meinen Streifzug durchs Kamillenfeld.

 


ENDE

 


Aus dem Russischen von Mathias Althaler