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„Stadt ist Migration“, so bringt es Erol Yildiz auf den Punkt. Aber wie steht es um die Sichtbarkeit von Migration in Museen? Obwohl Arbeits- bzw. Wirtschaftsmigration, Flucht, Vertreibung und globale Mobilität zu den dominierenden Phänomenen des 20. und 21. Jahrhunderts gehören, sind sie keineswegs ebenso dominierende Themenbereiche in Museen. 

 

Die noch immer karge museale Auseinandersetzung mit diesen Themen deutet darauf hin, dass hier Leerstellen zu füllen und Grundsteine für neue Baustellen zu legen sind.

  

 

Darum also: MUSMIG JETZT!

 

Zwischen Dezember 2019 und Februar 2020 wird eine temporäre Ausstellung als erste Skizze eines möglichen Museums der Migration, präsentiert. Thematischer Ausgangspunkt wird die Frage sein, warum zwar MigrantInnengruppen in Wien spätestens seit 1950 einen zunehmend unübersehbaren Anteil an der Gestaltung von Stadtteilen haben, zugleich aber ihre Geschichte in der Stadt und v.a. in städtischen Museen kaum sichtbar bleibt. Es werden Ausstellungsformate diskutiert und versuchsweise erstellt, die aufzeigen, wie Arbeitsmigration oder Flucht nach Österreich im öffentlichen Diskurs sowie im öffentlichen Stadtbild unsichtbar gemacht werden – sich aber dennoch ständig an die Oberfläche drängen. 

 

Geplant sind eine Workshopreihe, Vorträge und Arbeitsgruppentreffen unter dem Veranstaltungstitel "Inventur" im Dezember 2019. Im Februar 2020 wird dann das temporäre "Museum der Migration" installiert werden.

Das Ziel ist und bleibt dabei: die Bedeutung und das Fehlen eines solchen Museums zu thematisieren. 

 

 

Die Grundfragen: Welche Konzepte und Debatten begleiten die Frage nach einem Museum der Migration? Was soll (nicht), kann (nicht), muss (nicht), darf (nicht) ausgestellt werden? Wer entscheidet darüber und warum? Migration im Museum bzw. Musealisierung der Migration: Wie kann die Immobilisierung eines transitären Phänomens geschehen, welche Sammel- und Ausstellungspraxen stehen zur Debatte, wie muss man sich dabei mit impliziten und expliziten Phänomenen des Rassismus, der Ausgrenzung, der Restriktionen, dem Mangel oder der Überfülle an Objekten u.v.a. auseinandersetzen. Außerdem sollen dabei auch breitere Themen verhandelt werden, etwa: Transnationale Ökonomien, Anwerbeabkommen und Gastarbeit, migrantische (Arbeits-)Kämpfe, Gender und Migrationsprozesse, Sichtbarkeit von Frauen auf dem transnationalen Arbeitsmarkt, Sexarbeit und feminisierte Migration, Mehrsprachigkeit im Stadtbild, migrantische Filme, Literatur, Kunst, urbane und ländliche migrantische Räume,  Migrationsbiografien der Städte: Ghettoisierung, Gentrifizierung, Wohnpolitik, Gesundheitspolitik, Medien, Religion, Gastronomie, Sport und Migration; transnationale Lebensweisen und hybride Kulturen, Rassismus und Antirassismus.

 

 

Warum die Debatte um ein Museum der Migration?

 

„Es geht vielmehr darum, wie wir uns in Institutionen, die das kollektive Gedächtnis verbürgen, mit der gegenwärtigen Pluralität und Diversität unserer Gesellschaft und ihrer Geschichte auseinandersetzen und diese abbilden.“

(Dirk Rupnow)

 

„Die Historisierung und Musealisierung der Arbeitsmigration wäre daher, wie auch jene der Frauenbewegung, der Arbeiter_innenbewegung oder etwa der lesbisch-schwul-queeren Bewegung, ohne die Repräsentationskämpfe ihrer Subjekte und die Initiativen zur Selbstdokumentation nicht denkbar.“ (Arif Akkiliç, Vida Bakondy, Ljubomir Bratić , Regina Wonisch)

 

 

Die geplante Ideenwerkstatt für ein Migrationsmuseum reiht sich in bereits jahrzehntelang intensiv geführte Diskussionen im deutschsprachigen Raum ein. Versuche, Migration und v.a. Gastarbeit, wie sie für Wien und Österreich enorm prägend waren, zu archivieren, gibt es in Deutschland und Österreich bereits. Ein Museum der Migration, wie etwa das französische Cité nationale de l’histoire de l’immigration (CNHI), jedoch nicht. Dies wird für unser Projekt die Ausgangslage für eine lebhafte Diskussion bieten. 

 

Präsentiert und debattiert werden auch Kampagnen und Initiativen, die bereits bestehen. 

 

Für das Projekt steht die lokale Wissensvermittlung im Vordergrund. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung soll auf dringliche museumspädagogische und politische aktuelle Fragen reagieren. Auf methodischer Ebene bündelt die Ideenwerkstatt Ansätze aus der Migrationsforschung, der Geschichtswissenschaft und -pädagogik sowie aus einer reflektierend-partizipativen und kunstaktivistischen Demokratiepraxis.

 

 

Koordinationsteam: Ljubomir Bratić, Elena Messner, Alice Fehrer. Erweitertes Arbeitsteam: Brigita Malenica, Georg Kö, Arif Akiliç.

Wir danken Förderinstitutionen, Kooperationspartner_innen und Freund_innen für die Unterstützung!

 

 

 

 

Im Vor- und Umfeld des Projekts wurden und werden mehrere Diskussionsveranstaltungen abgehalten:

 

 

PREKÄRE VERHÄLTNISSE: WOHNEN UND MIGRATION

Fr, 11 OKT 2019, 13:00–15:00, Ort: Ugarit Restaurant – Authentic Syrian Food, Wielandgasse 24, 1100 Wien

 

 Ankommende Migrant*innen haben es am Wohnungsmarkt schwer: Sie wohnen nicht dauerhaft, meist »günstig« und ohne Sicherheit. Arif Akkiliç und Ljubomir Bratić sprechen beim Mittagstisch über die Bedeutung der Wohnungsfrage für die Idee eines Archivs der Migration: Denn Migrant*innen, die ab den 1960er Jahren als Bauarbeiter*innen realen Wohnraum geschaffen haben, werden in der Geschichte und ihrer Darstellung nicht repräsentiert.

Mit Arif Akkiliç und Ljubomir Bratić.

 

Im Rahmen von urbanize! 2019; Programmschiene: »Alle Tage Wohnungsfrage«

In Kooperation mit Kulturraum10.at und Alice Fehrer

Fotoeindrücke von Georg Kö: