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Slobodan Bubnjević: Born in the Danube

Kurzprosa. Mit Zeichnungen von Nastasia Louveau

 

You end up like a dog

Born in the USA, Bruce Springsteen

 

 

 

Wir hatten Freunde, unten an der Donau. Ein Mann mit starken Muskeln und einem Hundeblick war unser erster Nachbar in jenen Jahren der Verzweiflung. „Es wird alles gut“, sagte er bei jeder Gelegenheit, obwohl niemand wusste, wie es sein würde. Jeden Tag wurden Mauern eingerissen, die Leute warfen Joghurt auf die alte Regierung und mein Vater und er glaubten, dass es Zeit war etwas anzufangen, ihr eigenes Unternehmen zu beginnen. Unmittelbar nach der Rückkehr aus der Raffinerie ließ er den Helm liegen und kam den schmalen Pfad zur Donau hinunter, wo er mit meinem Vater den Kopf in den Rumpf eines Bootes steckte, das sie an Land gezogen hatten und seit Monaten vergeblich reparierten. „Es wird alles gut“, pflegte er zu sagen und schlug mit fettigen Händen gegen den Rumpf.

In der Brieftasche trug er das Bild eines Mädchens, aber es konnte wohl kaum von ihm sein. Man sprach im Dorf hinter vorgehaltener Hand davon, dass es bereits drei Jahre her war seit er aus Slankamen eine Vera mitgebracht hatte, aber dass sie keine Geburt erlebt hatten und dass seine Mutter ohne Enkel bleiben werde. Mancher würde hinzufügen, dass diese Vera sich in ihrer Jugend an Gott versündigt hatte, beziehungsweise dass sie sich ungeschickt vor der Sünde retten wollte und wahrscheinlich eine Abtreibung böse Folgen gehabt hatte. Mag sein, dass diese schrecklichen Geschichten über die Schwiegertochter seine immer unzufriedene Mutter verbreitete, denn wie die Kinder von den Älteren erfuhren, war er derjenige, der unfruchtbar war.

Das Mädchen auf dem Bild sah ich in jener Nacht, als die beiden auf dem Hebel mit einem langen Strick den Motor herausgezogen hatten und ihn im Bauch des Schiffes hingen ließen, damit er abtröpfelte wie ein Schwein, das gerade vom Metzger geschlachtet worden war. Dick und verschwitzt saßen mein Vater und er anschließend auf den Pfählen, zündeten sich Zigaretten an und unterhielten sich flüsternd über den Krieg, über eine geheime Aufnahme im Fernsehen und LKWs, die Waffen transportierten. Die Donau zog sich schleppend vorüber und der Herbst kam in die Weiden auf der anderen Seite geschwommen. „Es wird alles gut“, sagte er, sammelte die Flaschen ein, die über den Erdhügel herum verstreut lagen, gab mir seine Brieftasche und schickte mich in den Laden, um Bier zu holen.

Als ich hochkletterte, durch den Hof und auf die Straße, öffnete ich seine Brieftasche und entdeckte das Bild des Mädchens. Blond und lächelnd saß es auf seinem Schoß, hielt, in der gleichen Haltung wie er es, eine Puppe in der Hand, deren Körper aus farbigem Leinen gemacht war und an den ein Kunststoff-Kopf angenäht war. Meine Mutter wusste später nichts darüber. „Eine kleine Verwandte“, sagte sie und ging los um das untere Tor zu schließen. Es wurde Nacht und eine große Schar von Hausgänsen, welche die Bauern an die Donau ließen, lief am dürren Ufer entlang, als ob sie jeden Moment nach Zimovnik losfliegen würden.

 

 

Als sie ihn mitten in der Nacht wegführten, hörte ich wie der LKW holperte, wie er den ganzen Weg bis zur Donau nachhallte. Es war ein Trubel auf der Straße, und dann Stille. „Sie haben den Nachbarn an die Front geholt“, mein Vater stand am Fenster und blickte in die Dunkelheit auf der anderen Seite. Er war wütend, dass wir überhaupt in das Dorf gekommen waren, weil sie dort in der Stadt, wo sie die Joghurt-Revolution eingekocht hatten, kaum wussten, wie man heimlich mobilisierte und in der Nacht die Menschen an die Front holte. Seitdem sprachen sie nicht mehr darüber, wie sie ein eigenes Unternehmen starten würden. Nur wir Kinder kletterten hinunter zur Donau und vertrieben mit dem Stock die Dorfgänse vom Zaun. Und das aufgerissene Boot blieb liegen, bis es der Fluss überschwemmte.

 

 

Als er aus dem Urlaub zurückkam, hörten wir, wie sie dort, auf der anderen Seite, in den Sümpfen entlang der Donau schliefen, wie sie nie schossen, sondern darauf warteten, dass brutale Spezialisten und Kanonen den Krieg beenden würden. „Ich schaue sie an, du könntest einfach den Gürtel abnehmen und nach Hause schwimmen“, sprach er über die Donau, die hier wie dort die gleiche war. „Der Fluss ist derselbe, aber die Menschen, die sind nicht gleich“, seufzte mein Vater. Der Krieg, über den sie im Fernsehen logen, dass er der Verteidigung diente und über den der Vater sagte, er bringe nur Brüder um, ging bis zum nächsten Winter vorüber, aber danach kam ein zweiter Krieg. Mit allen Folgen.

Sie gaben ihm seine Arbeit in der Raffinerie zurück, aber Lohn gab es keinen, und so begann er, wie andere auch, Brennstoff über den Fluss zu schmuggeln. Und die Frau, diese seine Vera, wartete nicht auf ihn. Wir wussten nicht viel darüber, wir sahen nichts über das Tor hinweg, aber es wurde gemunkelt, dass sie, bevor er von der Front zurückgekehrt war, ausgerechnet von seiner Mutter zu den Ihrigen zurück nach Slankamen geführt worden war. Er ging später mehrmals um sie zu holen, aber vergeblich. „Wozu soll sie denn zurück?“, fragte ihn Veras Vater, der ein angesehener und wohlhabender Hausherr war.

Er war einer von denen, denen man nichts zu sagen hatte, einer von jenen, die zur rechten Zeit dem Sozialismus den Rücken gekehrt und ihr Vermögen irgendwo in Deutschland gemacht hatten – in der Gegend von Regensburg hatte er an den Ufern der selben Donau gepflastert, die unter unseren Häusern dahinfloss, sich an der Böschung ausbreitete und in jedem Frühjahr und Herbst anstieg. Denn der Fluss ist derselbe, aber die Menschen, die sind nicht gleich.

 

 

Ich traf ihn viele Jahre später, als die Meinen bereits lange aus dem alten Haus an der Donau fort waren. Ich arbeitete bereits in Belgrad, auf der Straße zum Dorf hörte ich Springsteen und wusste gut, dass die Arbeiter am Ende nicht gewinnen würden. Ich ging zu ihm, weil er noch immer Brennstoff verkaufte, die neue Regierung hatte eine Art Ordnung nach dem Krieg aufgestellt, aber in den abgelegenen Dörfern waren die Tankstellen abgeschaltet und man war auf den übrig gebliebenen Schmuggler angewiesen.

Ich ging in den Hof und als ich hinunter zur Garage über dem Wasser kam, sah ich seine Mutter. Sie war bereits eine trockene Alte und erkannte mich nicht mehr. Er war noch immer ein Mann mit starken Muskeln und Hundeblick. „Es wird alles gut“, sagte er zu mir, als ich fünf Liter kaufte, die er mir aus einem großen Fass in den Kanister goss.

„Ist ...“, fragte ich während ich das Geld herauszog, „ist Vera zurückgekommen?“ „Sie hat in Novi Sad geheiratet“, sagte er lächelnd und legte das Geld in die Brieftasche. Er hatte darin noch immer das alte Bild von dem Mädchen mit der Puppe.

 

 

 

 

Übersetzt von Elena Messner