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Gespräch mit Barbara Marković

turn the table

von Eva Schörkhuber und Elena Messner

 

Enstehungsgeschichte oder Bernhard in der serbischen Gegenwartsliteratur
 
– ah, wie Bernhard // bei Gstrein hab ich mir wirklich gedacht, jetzt lese ich Bernhard II // dieser ganz typische Bernhard ist wirklich sehr leicht zu imitieren // solche richtigen Bernhard-epigonen, wer sind die, die gibt’s eigentlich nicht // Bernhard quasi // wie nahe bist du jetzt wirklich an diesem original, an Thomas Bernhard // aber bei mir war es auch so dieser clash zwischen Bernhards sprache und dem slang: dann plötzlich kommt so ein schimpfwort, ja, genau – alles wurscht und blablabla und solche dinge // da spürt man, dass es eben nicht ein Bernhard ist, sondern // – ah, wie Bernhard// und da hast du dir wirklich ausgerechnet Bernhard ausgesucht // in Österreich ist Thomas Bernhard ja so eine richtige ikone, eine österreichische ikone // dass es ketzerisch war, was du mit Thomas Bernhard gemacht hast // nicht wirklich ketzerisch, ich fand es schon so als vorgehen vielleicht doch unerlaubt in der Literatur überhaupt, nicht jetzt wegen Bernhard //  
 
 – turn the table –  
 
Improvisierte Fragen über die Dummheit in der Literatur leiten das Gespräch ein, die Rede kommt allzu rasch auf Thomas Bernhard-Epigonen, woraufhin Barbi anzweifelt, ob dies ein ideales Thema sei. Sie habe zwar bei der österreichischen Literatur durchaus den Eindruck, dass viele Schriftsteller so wie Bernhard klingen, aber vielleicht sei dies nur ihr Problem mit der deutschen Sprache – keine Ahnung – sagte sie, denn irgendwie habe sie das Österreichische erst einmal über Bernhard kennen gelernt und dann klang alles ähnlich, klang alles nach Bernhard.

 

Aber sie wisse nicht, was normal sei, inwiefern man wirklich so spreche in Österreich. Bei Gstrein zum Beispiel habe sie immer gedacht, dass er total Bernhard-ähnlich ist, auch bei Josef Winkler sei ihr dies total Bernhardsche aufgefallen, aber im positiven Sinne – dass er ähnlich dicht und obsessiv vorgehe, es gehe dabei nicht nur um den Sprachduktus, sondern vielleicht um eben diese Obsessivität. Nicht nur das Insistieren auf immergleiche Themen, sondern auch dieselbe Art von Verzweiflung gemischt mit Humor – irgendwie. Bei Gstrein aber habe sie sich wirklich gedacht, jetzt lese sie Bernhard II.  


Die Veröffentlichungsgeschichte ihres Textes, bestätigt sie, sei eine ziemlich kuriose. Ihr damaliges Verlagshaus in Belgrad habe sich entschieden, ihn zu veröffentlichen, dann kam die große Frage nach den Urheberrechten, da wurde entschieden, Suhrkamp zu fragen, was da zu tun wäre. Sie habe damals, wie sie sagt, in noch viel schlimmerem Deutsch geschrieben, ob sie ihren Remix veröffentlichen könne – und die Antwort war schlicht: nein, eigentlich nicht. Sie habe erneut geschrieben, dieses Mal den Akzent auf ihre Unbedarftheit setzend, oh, ich bin so jung und das ist mein erstes Buch und können wir es nicht irgendwie doch, es ist ja nur in Belgrad und blabla. Darauf meinte Suhrkamp: ok, nur einmal und so fünfhundert Exemplare die erste Auflage, keine Übersetzungen undsoweiter. Dann lernte sie die Übersetzerin zufällig in Wien kennen, die Mascha Dabić, die wollte das Buch einfach übersetzen, ohne dass klar war, ob es jemals veröffentlicht werden kann.

 

Eines Tages habe sie auch Fritz Ostermeier kennen gelernt und der habe das ganze dann zu Suhrkamp getragen, so wiederum kam es zu anderen Leuten bei Suhrkamp. Es sei ein ziemlicher Glücksfall gewesen, dass das überhaupt veröffentlicht werden konnte. Ihr Belgrader Verlag sei ein kleiner, von Vladimir Arsenijević geleitet, sie habe bei diesem Verlag gearbeitet. Ein ganz kleiner Verlag damals, noch immer ein kleiner Verlag heute. Sie habe später, als sie die Arbeit an dem Buch begann, aber nicht mehr bei Rende gearbeitet, weil sie sich irgendwann zu dem Studium entschlossen habe, und dann habe sie es wie zufällig geschrieben und einfach Arsenijević, dem Verlagsleiter gezeigt. Und der habe es gemocht.  

 

Wieso sie sich wirklich ausgerechnet Bernhard ausgesucht habe, fragt eine, und sie sagt, sie habe ihn gemocht. Sie habe ihn einfach nur gemocht. Ob sie es eigentlich ketzerisch finde, was sie mit Thomas Bernhard gemacht habe. In Österreich sei Thomas Bernhard ja eine richtige Ikone, eine österreichische Ikone. Das habe sie damals schon gewusst, aber es sei ihr egal gewesen, weil sie in Belgrad war. Was er jetzt in und für Österreich sei usw., das wäre ihr wirklich ziemlich egal gewesen. Und er war einfach einer der Autoren, die sie im Regal stehen hatte.  

 

Rezeptionsgeschichte oder über die Belgrader Clubbingszene
 
ich fand das gut, den kontrast zwischen ‚Thomas Bernhard’ und ‚Barbi Marković’ // überhaupt diese bezeichnungen am anfang – ‚germanistin’, ‚clubberin’, ‚Thomas-Bernhard-Fan’ // du hast nur einen Thomas-Bernhard- Remix geschrieben, oder wie würdest du // so bei Bernhard geht es ja auch voll ab, was kritik betrifft // ein clash zwischen einer geschichte, die ich erzähle, und einer art und weise, wie Bernhard sachen aufnimmt // das ist nicht alles ganz politisch korrekt, und dann habe ich mir gedacht: ok, wenn ich mich da treiben lasse, das geht auch vielleicht // was macht man, wenn man Thomas Bernhard nicht kennt // meistens ernte ich dann lob für Thomas Bernhards genialität // den kontrast zwischen ‚Thomas Bernhard’ und ‚Barbi Marković’
 
– turn the table –  
 
Ob das Buch in Belgrad Unruhe gestiftet habe, fragt eine. Sie antwortet – nicht wirklich. Es habe zwei Sorten Reaktionen gegeben: die eine war die Clubbing-Rezeption, man nahm wahr, da ist dieses Buch über Clubbing, sie wurde immer gefragt, ob sie viel ausgehe und wohin. Das zweite kam von Seiten der Nationalbibliothek und den wichtigsten Kritikern usw. und die fanden das alle toll, aber irgendwo stand dann auch immer der Satz – aber wir wissen eigentlich nicht, was sie gemacht hat, weil es kein „Gehen“ auf Serbisch gibt, denn „Gehen“ ist gar nicht ins Serbische übersetzt.

 

Sie werde im Klappentext als ‚Germanistin’, ‚Clubberin’, ‚Thomas-Bernhard-Fan’ bezeichnet, das Etikett ‚deutschsprachige Popliteratin’ sei noch am wenigsten schlimm. Auch werde, meint eine, was sie lustig finde, im Klappentext der Vergleich mit Wien – Berlin – New York gezogen. Das sei ja schon eine Art Interpretation für den Leser, die Leserin. Und dann würden einem gleich die Familienähnlichkeiten mit Thomas Bernhard für Augen geführt [„Satz für Satz mit der kaskadenhaften Donnerwucht des Originals“; „formal strengste Konzept- und Appropriationskunst“], und dann doch „so realistisch, dass man sich in Wien, Berlin oder New York genauso darin wieder finden kann wie die Belgrader Szene...“.

 

Sie, Barbara, finde das aber eigentlich schmeichelhaft, weil man als serbische Person in Wien doch ein bisschen Gänsehaut bekäme, wenn immer wieder über den Krieg und Hass und ich weiß nicht was, geredet werde – so – ja. Irgendwie werde sie dadurch mit der echten Welt, also nicht mit der dritten oder anderen Welt, gleichgesetzt, und bevor sie als ‚serbische arme Literatin, die es schwer hatte im Krieg’ etikettiert werde – fände sie das schon ok. Obwohl es natürlich fragwürdig sei. Es bringe auch das Buch ein bisschen in einen anderen Kontext als den des Jammerns oder den der damaligen Situation in Belgrad – es könne dadurch mit anderen Büchern, die auch in Europa oder Amerika veröffentlicht werden, mitspielen. Nicht nur in die Migrantenschiene geschoben worden zu sein, das fände sie nett vom Lektor, der diese Zeilen verfasst habe. Normalerweise aber wäre sie ja dagegen, dass ihr Buch als Pop-Literatur aufgefasst wird, weil sie damals – als sie dieses Stipendium hatte, sich gedacht hatte, ok – jetzt lese ich Pop-Literatur, deutschsprachige, und...


Vieles habe sie nicht verstanden und Vieles gar nicht so toll gefunden. Ein anderer Anlass für den Remix sei auch dieses Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre gewesen, der Pop-Literat, der auch ein Buch, „Remix“, geschrieben habe. Das sei aber ein normales Buch, ohne formales Verfahren, das einem Remix nachempfunden wäre, außer dass er Popsongs aufliste. Das habe sie damals als Anti-Pop-Roman gelesen.  

 

Die Frage: was passiert, wenn ein Leser ihres Buches Thomas Bernhard nicht kennt. Ihre Antwort, schlicht: Meistens ernte sie dann Lob für Thomas Bernhards Genialität. Als sein Widergänger (seine Wiedergängerin?).  
 
Übersetzungsgeschichte oder Vier Jahre weniger deutsch
 
die parallele zu Thomas Bernhard // dass ich jetzt ein paralleles buch zu Bernhard schreibe und dadurch im gehirn zu sachen komme, zu denen ich nie gekommen wäre // im buch ist es am anfang eher mit Bernhard und dann immer mehr richtung Belgrad // so ging es aber auch der übersetzerin ins deutsche – sie hat mit Bernhard angefangen, sich relativ streng an Bernhard gehalten, und dann hat sie auch ein bisschen nachgelassen // später haben wir beide das auch gegen Bernhard gelesen // gegen Bernhard gelesen – wie kann man gegen Bernhard lesen // die suhrkamp-ausgabe hat es wieder um eine spur richtung Bernhard getrieben // die parallele zu Thomas Bernhard
 
– turn the table –
 
Sie wisse ja nicht, wie es sonst sei, an Büchern zu arbeiten, aber es war – super, es gab schon quasi eine Vorlage, eine unantastbare. Es gab also mehrere Texte – diesen auf Deutsch, dann musste sie ihn simultan im Kopf übersetzen und dann, wenn sie auf irgendwas stieß, was für sie in diesem Moment eine Variable war, habe sie es geändert, damit ihre Geschichte auch passte. Legosteine. Sie habe es aber nicht zuerst übersetzt und dann übertragen, sondern wirklich simultan ihre Fassung angefertigt.

 

Die Frage, ob sie ihr Buch noch als Übersetzung bezeichnen würde, verneint sie, also wenn Übersetzung, dann eine ziemlich schlechte, sagte sie, weil die Geschichte nicht mehr stimmt. Aber die Form... es habe wirklich zufällig angefangen. Sie wollte es übersetzen und dann habe sie bemerkt, dass sie viele Begriffe nicht kannte, denn damals konnte sie wirklich vier Jahre weniger Deutsch. Dann habe sie bemerkt, dass das zuviel Arbeit wäre für eine Hobby- Übersetzung, und dann also der Entschluss, nur zum Spaß – wirklich – Begriffe auszutauschen.  

 

Sie habe während des Schreibens begriffen, dass sie ein paralleles Buch zu Bernhard zu schreiben begonnen hatte und dass sie dadurch im Gehirn zu Sachen kam, zu denen sie sonst nie gekommen wäre. Man könne also wirklich sagen, dass eigentlich die Übersetzung sie hin zu dieser Geschichte geleitet habe, weil sie die Bernhardschen Denkfiguren als Vorgabe hatte und wenn sie dann ihre Variablen austauschte, kam plötzlich die Geschichte raus, ohne dass sie so geplant gewesen wäre, sie habe diese Geschichte nur mit ein paar Dingen, die ihr im Kopf herumschwebten, gefüllt. Und so habe es sich auch angefühlt, während des Schreibens, wie ein Füllen von leeren Stellen, nicht wirklich leeren Stellen, sondern von ihr für leer erklärte Stellen, die auszufüllen waren.  

 

Ihr eigenes Verfahren benennt sie selbst im Text als „Scratchen“. Zum „Scratch“ am Anfang des Textes, fragt eine nach. Scratchen sei ja immer dieses Anhalten einer Platte und dann dieses Vorschieben – das sei ein passender Ausdruck für ihr Verfahren. Das seien alles Sachen, die ihr einfach so eingefallen sind, meistens während des Schreibens – also die Übersetzung, der Remix, paralleles Schreiben und nicht-lineares Schreiben – all das hatte sie im Kopf und blablabla. Aber eine richtige Interpretation könne sie schwer geben – denn bei vielen Dingen, die da drinnen stehen, habe sie sich wirklich nur gedacht: ah, das ist lustig...  

 

Eine hat einen Beispielsatz herausgesucht, sie liest ihn den anderen beiden vor, „Die Events, zu denen wir gehen, dürfen nicht Gegenstand unseres Denkens werden, wenn wir nicht genug Kraft haben, denn dann kann uns zuerst krankhafte Langeweile befallen, und anschließend tödliche Verzweiflung.“ [Marković 28] und bei Bernhard stehe, sagt sie, und liest vor: „Wir dürfen das, was wir tun, nicht zum Gegenstand unseres Denkens machen, denn dann kommen wir in tödlichen Zweifel zuerst, schließlich in tödliche Verzweiflung.“ [Bernhard 26] Sie habe die deutsche Übersetzung gelesen, ja, ja, die habe sie auch gemocht, schon, ja.  

 

Und die Fußnoten, was es mit denen auf sich habe? Die wären nur beim Schreiben so irgendwas gewesen, das ihr eingefallen sei und dann habe sie es aber lustig gefunden und sie stehen lassen. Und was diese Musikeinschübe beträfe, im Buch ging es darum, dass es kein Konzept und blabla gibt und dann habe sie sich gedacht, eine Masse der Sachen, die sie so runtergeladen habe, und die unorganisiert in ihrem Computer stehen, sie habe sie nur so eingeworfen, auch als Pausen, weil der Text so pausenlos sei...  

 

Die Zusammenarbeit mit der Übersetzerin zurück ins Deutsche sei nicht sehr (str)eng gewesen. Eigentlich habe Mascha Dabić es übersetzt und sie habe es nur gelesen. Und auch ein bisschen gegen ihren eigenen Text gelesen. Und später hätten sie dann beide auch gegen Bernhard gelesen. Verwirrungen in der deutschen Sprache, eine fragte nach: Gegen Bernhard gelesen... wie kann man gegen Bernhard lesen, Gelächter über die Variation auf die translatorische Praxis des Gegenlesens. Ob man das nicht so sagen könne. Man könne alles sagen.
 
Die nicht von ihr erzählten Geschichten
 
aha, Thomas Bernhard remixen, sehr interessant, mal schauen // wegen Bernhard, weil ich auch so diese rentner-stimmung ein bisschen drinnen habe, es sind zwar junge menschen, aber es wird so geredet als wären wir alle ganz alt, das ist so etwas gegen pop // dass man eben den remix schon auch spürt, dass Thomas Bernhard eben noch spürbar sein muss, weil beim remix ist es ja auch so // aha, Thomas Bernhard remixen
 
– turn the table –
 
Was sie denn eigentlich erzähle in ihrem Buch, sozusagen, fragt eine. Es sei ihr primär um den Remix gegangen – glaube sie zumindest. Es habe sie begeistert und ihr das Gefühl gegeben, etwas entdeckt zu haben – obwohl sie, nach ihrem Germanistikstudium, solche Sachen nicht mehr denke. Aber damals sei das ein schönes Erlebnis gewesen, der Gedanke: wow, jetzt habe sie den Remix in der Literatur entdeckt. Aber andererseits ist auch etwas Anderes im Buch drin, das Jammern, das sei aus der kollektiven Erfahrung heraus hineingeflossen.

 

Sie habe kein Buch über die politische Lage Serbiens in den letzten zehn Jahren geschrieben, meint sie selbstsicher, und ganz dem Bernhardschen Original verpflichtet: weder eine Komödie noch eine Tragödie. Sie fügt hinzu: sie rede groß über ihr Buch, und wisse nicht mehr als andere darüber.

 

Und nein, sie habe auch keine medienkritische Abhandlung schreiben wollen oder so. Der soziale Tod, den Karrer in Steinhof stirbt und den Bojana vor dem Fernseher stirbt, habe mit Sättigung und mit Langeweile zu tun. Es sei schon eine relativ verzweifelte Zeit in Belgrad gewesen, so kam es ihr zumindest und vielen anderen auch vor, die Langeweile sei damals wirklich ein wichtiger Begriff gewesen, nach der Bombardierung, die Langeweile sei der schlimmste Feind gewesen, den man haben konnte. Fernsehen sei nach wie vor sehr beliebt als
sozialer Tod (Suizid?). Aber dieser soziale Tod vor dem Fernseher sei keine beabsichtigt medienkritische Darstellung.
 
Bernhard in Belgrad: Ortswechsel
 
macht nichts, Bernhard in Belgrad // Bernhard in Belgrad gegen gelesen oder gegen Bernhard in Belgrad gelesen oder Gehen gegen gelesen // meine persönliche Bernhard-rezeption, weil es mir immer egal war, wovon er spricht – hauptsache, es geht weiter, die sätze sind lustig // Gehen gegen gelesen
 
– turn the table –  
 
Interessant im Zusammenhang mit der Rezeption in Österreich, oder vielleicht überhaupt im deutschsprachigen Raum, wo Thomas Bernhard ein glänzender Namen ist, scheint die Tatsache, dass der Ortswechsel nach Belgrad einfach so mir nichts dir nichts hingenommen wird: also der Rustenschacher’sche Hosenladen, macht nichts, ist plötzlich ein Club namens Idiot und ein Plastikman-Konzert. Das ist schon interessant, im Hinblick auf die Beschäftigung mit Orten in Texten...Das entspräche ihrer persönlichen Bernhard-Rezeption, weil es ihr immer egal war, wovon er spricht – Hauptsache, es geht weiter, die Sätze sind lustig.

 

Inwiefern aber der Orts- und der Zeitwechsel in der Übersetzung das Buch extrem verändert hätten? Es gäbe da dieses Gefühl – natürlich sei es auch das, was das Buch eigentlich ausmache, der Ortswechsel, Personenwechsel, deswegen eine andere Geschichte. Aber das sei trotzdem einer ihrer Gedanken zu Thomas Bernhard, er solle eigentlich – nur weiterreden, egal worüber. Nur deswegen hatte sie ihr Buch machen können, weil sie so gedacht habe.

 

Und natürlich – wäre es ganz egal, was er geschrieben hat, wäre das Buch auch ganz egal. Weil es noch so schön ist – Bernhard in Belgrad – kollektive Freude über eine so schöne Anapherbildung, Bernhard in Belgrad, wie sieht das aus... oder: Bernhard in Belgrad gegen gelesen oder gegen Bernhard in Belgrad gelesen oder „Gehen“ gegen gelesen ... schön?
 
Fortwährend Ausgehen
 
am ende eben verlierst du Bernhard ein bisschen und dann kommt genau diese dimension stärker hervor, dieses weggehen, also nicht ausgehen, sondern weggehen // bei ausgehen denkt man wahrscheinlich wirklich schnell an Thomas Bernhard, weil Gehen so ein typischer Bernhard-titel ist // bei Bernhard gibt es ja auch unglaublich viele stellen, der will auch aus dem land weggehen, das gibt es auch in seinem buch // unbewusst etwas aus Bernhards text mitgenommen und erst recht hier verstärkt // bei uns ist es die Bernhard-schiene, und das wär ein großer unterschied // ich glaube, in dem sinne ist dieses buch versichert durch Bernhard // am ende  
 
– turn the table –  
 
Ob das Wortspiel mit dem „Aus/Gehen“ im serbischen Titel gut funktioniere, ist eine nächste Frage. Nach einer anfänglichen Verneinung meint sie, dass er, der Titel, jedoch auf andere Weise super funktioniere. ‚Ausgehen’ und ‚Weggehen’, am Abend weggehen, sei im Serbischen das selbe Verb. Es gäbe das ‚Gehen’ und es gäbe dieses ‚aus dem Land Gehen’ und ‚Ausgehen’ – das sei im Serbischen identisch. Das heißt, der Originaltitel Izlaženje bedeutet eben gleichzeitig ‚Ausgehen’, also ‚Fortgehen’ und auch ‚aus dem Land Fortgehen’.

 

Ihr wird unterstellt, dass sie damit sehr wohl eine komplett neue Bedeutungsebene erreiche, in ihrer Übersetzung, die eben einerseits spezifisch ‚serbisch’ sei und außerdem komplett über Bernhard hinausgehe. Am Ende verliere sie Bernhard ein bisschen und es käme genau diese Dimension stärker hervor, dieses Weggehen, also nicht das abendliche Ausgehen, sondern Weggehen.

 

Hier käme etwa Spezielles rein, vielleicht sogar etwas Politisches. Sie bestätigt, es möge schon so gewesen sein, dass hier unbewusst etwas stärker Politisches von ihr in den Text eindrang – oder, ja, keine Ahnung. Darum sei es auch ein bisschen schade, dass diese Doppeldeutigkeit in der Übersetzung nicht deutlicher geworden sei, es habe kein perfekt passendes Wort gegeben.

 

Lustig sei gewesen, als das Buch herausgekommen sei, und die Übersetzerin Mascha Dabić es schon in der Hand hatten, da ging Mascha auf die Toilette und als sie zurückkam, sagte sie: „Scheiße – Fortgehen!“ Aber ‚Fortgehen’ sei wahrscheinlich wirklich ein zu österreichisches Vokabel...  

 

Vom Verstehen und Übersetzen
 
ah wirklich // das ist auch wieder ein zitat, Bernhard hat geschrieben, er wisse nicht was er schreibe // ah wirklich // da redet milica totalen unsinn, und Bernhard redet da mit milica, nicht ganz logisch // die frage ist, hast du Bernhard anders verstanden, besser, als früher, so wie du ihn hier (in deinem buch) verstanden hast, glaube ich, dass du ihn verstanden hast, natürlich würdest du ihn jetzt anders verstehen, und wir verstehen ihn und dich anders // ah wirklich
 
– turn the table –  
 
Dass sie den Text heute anders übersetzen würde glaubt sie schon, sie verstehe jetzt sicher viel mehr, vielleicht würde sie aber heute so was gar nicht mehr machen. Sie sei in einer guten Position gewesen, damals, gerade das fallweise Nicht-Verstehen, das habe auch mit dem Übersetzen, dem Erlernen einer fremden Sprache zu tun, bei dem man sich oft in der Situation wieder findet, beim Lesen nicht ganz zu wissen, welches Vokabel da passen könnte. Das sei unter anderem Auslöser gewesen, deswegen konnte sie die Übersetzung machen, diese Art von Lesen, von Auffüllen mit Bedeutung, sei ihr vertraut gewesen.

 

Was das denn eigentlich heißen könnte, den „ganzen Sinn“ zu erfassen? Ist das Nicht-Verstehen ein Phänomen beim Lesen in einer Fremdsprache, oder gibt es auch beim Lesen in der eigenen Sprache Momente, in denen man schwankt, nicht sicher ist, zu voll mit eigenen Ideen dazu, auch mit dem „Auffüllen“ von Leerstellen beschäftigt ist. Nein, meint sie, das sei eine ganz andere Art von Nichtverstehen als das Nichtsverstehen, wenn man nicht in seiner Muttersprache liest. Man verstehe dann zum Beispiel in einem Satz nur einen Begriff nicht, könne trotzdem weiter lesen, aber vielleicht sei das dann ein Schlüsselbegriff, der einem fehlt.

 

So wurden bei ihr aus der Bernhardschen „Tschechoslowakischen Ausschussware“ die „Clubber“, aus der Ware wurden furchtbare Menschen, Menschenware – diese Worte habe sie damals überhaupt nicht verstanden, was konnte das überhaupt sein – eine Ausschussware?

 

Ungefähr so sei die Erfahrung, das störe auch nicht. Es bleibt die Frage, ob sie Thomas Bernhard heute anders verstehen würde, besser?, als früher. So wie sie ihn hier, in ihrem Buch, verstanden habe, scheint sie ihn, so merkt eine an, verstanden zu haben, natürlich würde sie ihn heute anders verstehen, und auch sie selbst wird heute und später jeweils anders verstanden werden. Was aber mache nun den großen Unterschied aus, sie dichtete um, verdichtete, füllte auf, ersetzte, setzte neu, mit noch, wie sie meint, mangelhaften Deutschkenntnissen, aber dichtet man nicht ohnehin immer etwas hinzu – beim Lesen?

 

Sie bejaht, betont aber trotzdem: da gäbe es schon ein zusätzliches technisches Problem. Aber es gäbe diesen schönen Grenzfall beim Lesen: wenn man zwar fließend lesen könne, sich aber doch bemühen müsse, um drinnen zu bleiben und zu verstehen. Diese Situation sei es vielleicht gewesen, die ihr ermöglicht habe, ihr Buch zu machen. Alles Mögliche hab ich euch erzählt, sagt sie, bevor das Gespräch, noch lange nicht zu Ende, „privater“ wird, und unter Ausschluss des Aufnahmegeräts weiter geht. Und da wir ankündigten, das Folgende so hinzuschreiben, sei hinzugefügt: sie wusste nicht mehr als wir über ihr Buch.