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Die Alchemie des Buchrausches

 

Buchpräsentationen aus Südosteuropa auf der Leipziger Buchmesse 2017

 

Ein Bericht von Vedrana Govorčin

April 2017

 

 

„Was bedeutet Sprache, was Identität, was Heimat?“ „Wie schreiben Sie, wenn Sie in einer anderen als Ihrer Muttersprache schreiben?“ „Welche Bedeutung hat der Begriff Muttersprache heute überhaupt?“ Diese unerschöpflichen Fragen wurden auch auf der Leipziger Buchmesse 2017 gestellt und aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert. Während der Buchmessetage blieb allerdings kaum Zeit, zu lange bei einzelnen Themen zu verweilen, das Veranstaltungsprogramm war so dicht, von morgens, beim Öffnen der Messetüren, bis abends, wenn das Schließsignal erklang, und darüber hinaus noch bei Veranstaltungen in der Stadt, konnte man von Lesung zu Lesung gleiten, in verschiedenste Geschichten und Welten eintauchen und sich dem Rausch des Literaturbetriebsglühens hingeben.

 

Leipzig wurde während der Messezeit zum Treffpunkt nicht nur von AutorInnen, LeserInnen und Verlagen, sondern auch jeglicher anderer BewohnerInnen des Universums. Bereits in der Straßenbahn auf dem Weg zum Messegelände begegnete man CosplayerInnen, Supermännern und -frauen, Märchengestalten und verschiedensten weiteren Fantasiewesen, die zur Manga-Comic-Con pilgerten. Auf den klassischeren Bühnen ging es etwas gediegener zu. Neben den obligatorischen Lesungen und Gesprächen mit den „Abräumern“ verschiedener Preise, wie Mathias Enard (Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung), Terézia Mora (Preis der Literaturhäuser 2017), Eva Lüdi Kong (Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse), gab es auch neue Entdeckungen, wie beispielsweise die Arbeiten des kurdischen Schriftstellers und Herausgebers Yavus Ekinci, Schriften der 1950 verstorbenen slowenischen Reisenden Alma Karlin, Literatur junger AutorInnen aus dem arabischen als auch deutschsprachigen Raum, neue spannende Verlage... Die Liste ließe sich lange weiterführen.

Dem Feld Literatur aus Südosteuropa wurden an mehreren Orten auf der Buchmesse Veranstaltungen gewidmet, unter anderen auf der Bühne des Netzwerks „traduki“, welches sich für den Austausch von Literatur aus 14 Ländern Mittel- und Südosteuropas engagiert. Unter dem Titel „Nicht Ost, nicht West – die Alchemie des Balkans“, präsentierte das Netzwerk ein vielfältiges Programm. Dabei wurden AutorInnen vorgestellt und deren Werke in Dialog mit anderen gebracht. Die Brücken zwischen diesen Werken waren meist die anfangs erwähnten Fragen nach Migration, Sprache, Identität oder Heimat – weit genug also, um unterschiedliche Stile und Genres unter ein Dach zu bringen. So beispielsweise die Veranstaltung «Die Zeit, sich zu erinnern», in der die beiden Schriftsteller Namik Kabil (Bosnien-Herzegowina) und Slobodan Šnajder (Kroatien) gemeinsam vorgestellt wurden.

 

Namik Kabils Roman «Amarcord» aus dem Jahr 2015 erzählt die Geschichte eines Flüchtlings aus Bosnien, der in Los Angeles lebt, und dort das Glück sucht. Auf die Frage, ob sein Werk autobiografisch sei, antwortete Kabil, der als Drehbuchautor bosnisch-herzegowinischer Filme bekannt wurde, dass die Autobiografie das fiktivste Genre sei und wies auf die absurden Gaben des menschlichen Hirns hin, entweder Geschichten zu erfinden, die möglicherweise nie stattgefunden haben, und diese als Realität erscheinen zu lassen, oder aber Vergangenes zu mystifizieren. Er kritisiert beide Vorgänge und setzt dem romantisierenden, sehnsuchtsvollen Heimatnarrativ ein aufbrechendes gegenüber, indem er Erfahrungen von Vertreibung und Heimatverlust als etwas Aktivierendes, fast Erlösendes beschreibt und sich fragt, ob er überhaupt irgendwohin gekommen wäre, ohne diese Vertreibung.

 

In Šnajders Werk «Doba mjedi», ebenso aus dem Jahr 2015, wird die Geschichte der deutschen Minderheit in Jugoslawien erzählt. Auch er betonte, dass es ihm beim Schreiben des Buches weniger darum gegangen sei, eine Autobiografie, oder eine Historiografie niederzuschreiben, als die unscharfen Grenzen zwischen Realität, Erinnerung und Traum zu erfragen. Mit einem hoffnungsvolleren Beiklang sprach er über die lange Geschichte der Verfolgung auf dem Balkan, betonte aber mehrmals, dass ein einzelnes Gespräch darüber nicht genüge, die Geschichte entsprechend darzulegen.

Eine weitere Begegnung war jene zwischen den beiden in Bosnien-Herzegowina geborenen SchriftstellerInnen Branko Prlja, der nach Mazedonien, und Mascha Dabić, die nach Wien emigriert ist. Heute leben und arbeiten sie beide in einer anderen als ihrer «Muttersprache». Auf die Frage, was Sprache überhaupt bedeute, antwortete Dabić, es sei für sie wie eine Dauerbeschallung. Die Schriftstellerin, die auch als Übersetzerin und Dolmetscherin tätig ist, hat durch ihren Beruf eine gewisse Sprachskepsis entwickelt: alles, was man sagt oder schreibt, könnte ebenso anders heißen. In ihrem gerade erschienenen Roman «Reibungsverluste» geht es unter anderem um die Tatsache, dass Kommunikation eine Begegnung ist, die eine Reibung verursacht, durch die sich die Bedeutung der Nachricht verändern oder gar verloren gehen kann und Missverständnisse entstehen. Ohne diese liefe Kommunikation zwar reibungslos ab, man würde dann aber wohl «in Eintracht schweigen».

 

Für Prlja war der Verlust seiner Erstsprache und der Wechsel in eine andere, eine, wie er sagt, «dramatische aber interessante Erfahrung», und Sprache wurde dadurch erst zu etwas, das es zu hinterfragen galt. Sein 2016 erschienener Roman «1 Stunde 30 Minuten», ist das Nachfolgewerk seines ersten Buches aus dem Jahr 2015 «3 Minuten 53 Sekunden», und ist aufgebaut wie das Drehbuch eines Films, welches seine Migrationsgeschichte szenenhaft in präzisen Schnitten erzählt. Das Fremdsein in der Sprache und das Verlassen der Heimat sind Themen, mit denen sich beide AutorInnen in ihren Büchern auseinandersetzen, und für beide ist Heimat nicht ein Konzept, welches durch Ländergrenzen definiert werden kann, auch wenn sie sich einig sind, dass sich ein alternatives Konzept heute weniger denn je politisch verkaufen ließe.

Eine der besonders einprägsamen Begegnungen war die mit der albanischen Lyrikerin Elona Çuliq, die einige ihrer in einem nordalbanischen Dialekt verfassten Gedichte vortrug. Der Titel, unter dem die Gedichte veröffentlicht wurden, lautet «Titellosigkeit», auf Albanisch «patitullni», ein Neologismus im Albanischen, und für Çuliq ein fast kämpferischer Akt, wie sie erzählte. Das Experimentieren mit der Sprache bedeute nicht nur neue Wörter zu erfinden, sondern eine neue Denkfreiheit zu schaffen. Die Art und Weise, wie sie ihre Lyrik vortrug, ließ einen, auch wenn man die Sprache nicht versteht, im Moment des Zuhörens tatsächlich an solch eine Freiheit glauben.

 

Neben den literarischen gab es auch Veranstaltungen, die sich mit Fragen aktueller Politik beschäftigten. So unter anderem auf der Bühne «Cafè Europa», auf der unter dem Titel «Im Warteraum Europas», eine Diskussion mit der Historikerin Marie-Janine Calic, dem Schriftsteller Dragan Velikić, und dem Journalisten Norbert Mappes-Niediek, stattfand. Die Wartenden im titelgebenden Warteraum sind die Länder Südosteuropas, allen voran Serbien, Mazedonien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina. Auf dem Bahnhof, auf dem sie sich befinden, gibt es weder Auskünfte zu den Fahrtzeiten, noch zu genauen Reisezielen. Einstimmig erwähnen die Gesprächspartner jedoch, dass jene Leuchte, deren Licht immer noch den einzigen möglichen Weg weist, die Europas ist. Die Möglichkeit des Heraustretens aus dem Warteraum wurde nicht erwähnt, für dieses Narrativ müssen die Wartenden noch etwas ausharren. Bis es geschrieben und weitererzählt wird, kann man sich aber immerhin noch mit Warteraum-, Licht- und Alchemiesymbolik auf den europäischen Buchmessebühnen berauschen.