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Verwandtschaftliches. Lyrische Realitäten aus Serbien

Gespräch von Mathias Müller mit der Lyrikerin Dragana Mladenović anlässlich ihres Gedichtbandes "Verwandtschaft" und einer Lesung im Wiener Depot zur Lesefestwoche 2011

Sie arbeiten auch als Journalistin. Sind Sie vom Dichten zum Journalismus gekommen oder vom Journalismus zum Dichten? Und wie und wann haben Sie mit dem Schreiben begonnen? Wie kam es zu Ihrer ersten Veröffentlichung?

 

Dragana Mladenović: Es führte eigentlich nicht eines zum anderen. Die beiden Arbeiten gehen Hand in Hand miteinander. Ich habe relativ spät mit dem literarischen Schreiben angefangen, erst 2002, aber seither habe ich regelmäßig geschrieben und auch publiziert. Sechs Bücher sind es bisher. Der Grund dafür, warum ich nicht früher damit begonnen habe, ist wohl, dass ich bis dahin einfach kein Bedürfnis danach empfunden habe. Das erste Mal publiziert wurde ich, als ich einen Preis bei einem Festival gewann. Auf diesem Festival gab es eine Abschlussfeierlichkeit, bei der alle aus der engeren Auswahl ihre Texte vorgelesen haben und das Publikum stimmte dann ab, wer den Preis erhalten soll und damit auch publiziert wird. So habe ich mein erstes Buch veröffentlicht.

 

Wie viel von dem, was Sie schreiben, wird auch veröffentlicht? Oder landet vieles davon in der Schublade bzw. wird nur von Ihrem engsten Freundeskreis und Ihrer Familie gelesen?

 

Dragana Mladenović: Also, seit ich ernsthaft schreibe, kommt es jedes Mal, wenn ich ein Buch geschrieben und publiziert habe, zu einer Phase der Blockade. Das ist immer eine sehr schwierige Zeit, wobei ich gehört habe, dass sehr viele Autoren mit diesem Problem zu kämpfen haben. Es fällt einem nach einer Publikation oder, nachdem man etwas Größeres vollendet hat, einfach schwer wieder anzufangen. Zwar besteht nach wie vor das Bedürfnis zu schreiben, aber man merkt, dass es nicht mehr richtig funktioniert, die eigenen Texte einem nicht mehr gefallen wollen. Es bleibt aber alles in meinem Computer gespeichert, es landet bei mir also nichts davon im Müll. Ich komme später auch gerne wieder darauf zurück, da die Texte meistens doch nicht so schlecht sind, wie ich vorher gedacht habe.

 

Kommen wir jetzt zu Ihrem Buch „Verwandtschaft“. Lyrische Prosa, Prosagedichte… Kann man von „Verwandtschaft“ vielleicht von einem Roman in Form eines Gedichte-Zyklus sprechen?

 

Dragana Mladenović: Es hat eindeutig Elemente von Prosa. Aber ich habe den Lyrikband eigentlich so konzipiert, dass er Elemente aller Gattungen enthält. Der erste Teil ist Poesie mit Elementen der Prosa, der zweite Teil ist Poesie mit Elementen der Dramatik und der dritte Teil ist Poesie mit Elementen der Lyrik. Ich finde Poesie darf und muss sich von allem nehmen, muss auch sowohl literarische wie auch außerliterarische Texte zusammenführen, um besser zu werden.

 

Diese Frage werden Sie sicherlich öfters hören: Wie viel Realität steckt in der Fiktion Ihrer Gedichte? Wie sehr lassen Sie sich von wirklich geschehenen Ereignissen inspirieren?

 

Dragana Mladenović: Gerade in diesem Buch, in „Verwandtschaft“, hat fast alles einen realen Hintergrund. Der erste Teil zum Beispiel beschreibt eine Familie, die auf sehr kleinem Raum zusammen wohnt; damit beschreibe ich die Realität in Serbien: Dazu gehören Momente wie das NATO-Bombardement, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, das Dominieren von bestimmten Diskursen und Ideologien, das Phänomen, dass Tote wie Lebende und Lebende wie Tote behandelt werden. Ich habe z.B. selbst in meiner Nachbarschaft erlebt, dass ein Kriegsverbrecher von einer Familie versteckt wurde. Der dritte Teil entstand nach einem journalistischen Text, den ich geschrieben habe. Es ging darin um Frauen, Bosniakinen (Musliminnen), die tatsächlich nach Den Haag gingen, um bei dem Kriegsverbrechertribunal zuzusehen, wie es in „Verwandtschaft“ auch beschrieben wird. Es existieren genug Dokumente, die belegen, dass nach dem Krieg Vergewaltigungskinder geboren wurden. Das einzig erfundene ist im zweiten Teil dieser Mensch, der zur Polizei geht und einen Kriegsverbrecher anzeigen möchte. Mein Verleger hat das sogar als totale Fiktion, schon fast als Science Fiction interpretiert. (lächelt) Es basiert also im Grunde alles in meinem Band auf realen Begebenheiten – natürlich grotesk überzeichnet – aber für mich ist dies eine Allegorie für Serbien.

 

Welche Bedeutung haben einzelne Bilder und symbolische Akte in Ihrer Lyrik? Ein paar Beispiele: In einem der Gedichte klopft jener Onkel, der in seinem „gemütlichen Jungesellenkeller“ sitzt, Gabeln gerade, ohne dass dieses Bild später wieder aufgegriffen wird. Hat diese Handlung eine besondere Bewandtnis?

 

Dragana Mladenović: Alles was in diesem Buch geschrieben wurde, reflektiert auf die eine oder andere Weise die Wirklichkeit. Es gibt also keine völlig absurden Figuren und in diesem Sinne auch keine reinen Symbole. Als Serbien von der NATO bombardiert wurde, gingen alle in den Keller runter und versteckten sich dort vor den Explosionen. Ich ging einen Schritt weiter ins Absurde und schrieb, dem Onkel habe es dort unten im Keller gefallen, dass er jetzt dort leben möchte. Was die Gabeln betrifft: Dieses Element stammt aus der serbischen Folklore: Lokalen Mythen nach sollen Serben das erste Volk gewesen seien, das Gabeln benutzt habe. Es besteht so etwas wie (ironischer) Nationalstolz rund um diese Geschichte und das ist ein kleiner Verweis darauf. Der Onkel meint in meinem Band auch, eine Gabel habe noch nie zu etwas Gutem geführt und damit will ich sagen: „Nationalismus hat noch nie zu etwas Gutem geführt.“ Wie gesagt, jedes Teil bezieht sich auf die Wirklichkeit. Die kleine Sarah zum Beispiel hört von Tiodor, dem Kriegsverbrecher, die Geschichte von ein paar Burschen, die in einem Dorf von der Schule weglaufen wollten. Einer bleibt am Stacheldraht hängen und kann sich nicht befreien, die anderen aber rennen ohne ihn weiter und lassen ihn zurück, „zerstochen und jaulend“. Es geht in dieser kurzen Episode nicht um Schulkinder, sondern um Insassen eines Lagers.

 

Ein anderes Bild: Der erste Teil endet – nachdem Tiodor, ohne ein Wort zu sagen die Familie verlassen hat – mit den Worten der Mutter: „So ein feiner Herr. Er hat nicht einmal einen Wegerich da gelassen.“ Ist diese Aussage vielleicht sarkastisch gemeint? Und welche Bedeutung hat der Wegerich?

 

Dragana Mladenović: Die Aussage der Mutter ist ganz und gar nicht sarkastisch gemeint; sie ist ja wirklich begeistert von Tiodor. Das Ganze hat folgende Bewandtnis: Tiodor geht manchmal in den Hof, pflückt dort Pflanzen, die er lange betrachtet und bedenkt aller ihrer potentiellen Heilkräfte. Diese Figur verweist auf einen Kriegsverbrecher in Den Haag, Radovan Karadžić, der sich selbst mit Heilpflanzen beschäftigte, allerdings nur auf eine sehr halbwissenschaftliche Weise. Während der Zeit, in der er sich als Kriegsverbrecher versteckt hielt, hielt er sogar noch Vorträge über verschiedene Pflanzen und deren heilende Kräfte, er schrieb für ein entsprechendes Blatt. Diese Passage ist also auch wieder ein Verweis auf die Realität, auf die serbische Vergangenheit.

 

Es braucht also eine Menge Hintergrundwissen, um jede Ebene ihres Buches zu verstehen?

 

Dragana Mladenović: Es genügt, denke ich, in Serbien zu leben, um es zu verstehen. (lacht)

 

Der zweite Teil des Bandes unterscheidet sich deutlich vom ersten und dritten. Er ist in Interviewform gehalten und die beiden Sprecher werden nicht durch Anführungszeichen oder ähnlichem voneinander unterschieden, sondern nur durch einen Doppelpunkt getrennt. Der Befragte aber redet manchmal über zwei bis drei Zeilen lang einfach weiter, ohne dass der Doppelpunkt ihn unterbrechen würde, was den Lesefluss etwas stört, da manchmal nicht ganz klar ist, wer gerade spricht. Was wollten Sie damit bezwecken?

 

Dragana Mladenović: Es gibt ganz einfach schwierigere Passagen und Stellen in diesem Buch und es liegt am Leser diese richtig zu erfassen. Im ersten Teil sind es zum Beispiel auch zwei Stimmen, die sprechen (Sara und Mila), was auch nicht gekennzeichnet ist. In der ersten Version waren die Stimmenwechsel sogar markiert, aber nachdem mein Verleger den Text gelesen hatte, meinte er, jeder würde es auch ohne die Kennzeichnung verstehen können.

 

Ihre Texte sind schwer zugänglich, nahezu hermetisch, obwohl in sehr prägnanter, oft fast beamteter Sprache verfasst. Haben Sie das Gefühl, dass so schwere Themen wie die Ihrigen eine schwere Sprache und Form brauchen, also auch sprachlich und formal irritieren müssen, nicht nur inhaltlich?

 

Dragana Mladenović: Form und Inhalt sind immer verbunden, das lässt sich nicht so einfach trennen.

 

Welches Verhältnis haben Sie zu ihrem Geburtsland?

  

Dragana Mladenović: Es ist eine komplizierte Situation. Es ist nicht einfach dort zu leben, aber man hat immer einen Grund zu schreiben. Vor allem wenn man ein Mensch ist, der die ganzen negativen Ereignisse stark erlebt oder stark rezipiert. Und ich bin nicht Jemand, der sich isolieren, der die Außenwelt abblocken kann.

 

Sie waren ja gerade mal ein Teenager als die Jugoslawienkriege begannen. Was haben sie davon mitbekommen?

 

Dragana Mladenović: Damals lebte ich in einer Region, die nicht direkt vom Krieg betroffen war. Ich erlebte hauptsächlich die gesellschaftliche Vergiftung durch die Medien. Im Ausland treffe ich häufig Autoren, die meiner Generation angehören und die ganz unterschiedliche Erinnerungen an Jugoslawien haben. Ich persönlich habe sehr gute Erinnerungen an Jugoslawien, was andere, die in Kroatien oder Bosnien gelebt haben, wo tatsächlich Krieg geherrscht hatte, nicht sagen können. Trotzdem glaube ich, dass sie eine falsche Vorstellung haben. Es war nicht die Idee von Jugoslawien selbst, die den Krieg ausgelöst hat, sondern der überall aufkommende Nationalismus. Es hat dann nur noch jemanden wie Slobodan Milošević gebraucht, der das zu nutzen wusste und es kam zur Explosion.

 

 

Das Interview führte Mathias Müller, gedolmetscht von Elena Messner, "Verwandschaft" erschien in einer zweisprachigen Version  2011 bei Edition Korrespondenzen, Wien und wurde  übersetzt von Jelena Dabić.