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Abseits der Balkanroute

Ein Gespräch mit der Übersetzerin Erika Beermann anlässlich ihrer Übersetzung eines Kurzgeschichtenbandes von Branislav Gjorgjevski

 

Erika Beermann, Sie haben eine Auswahl von Kurzgeschichten des jungen mazedonischen Autors Branislav Gjorgjevski (geb. 1986 in Skopje) übersetzt. Wie kam es dazu, woher das Interesse und die Entscheidung, gerade diese Texte und diesen Autor auf Deutsch publizieren zu wollen?

 

Ich bin eigentlich immer auf der Suche nach Texten zum Übersetzen. In diesem Fall wurde ich durch eine Ankündigung der Vorstellung des Originals in den mazedonischen Online-Nachrichten aufmerksam, später fand ich den Titel auch bei einem Online-Buchhändler und habe ihn bestellt. Überzeugt hat mich dann die Lektüre selbst, es gab also keine Beeinflussung durch den Autor, sein oder mein Umfeld oder Auftraggeber. Den Autor habe ich erst benachrichtigt und mit ihm die notwendigen Vereinbarungen getroffen, als meine Meinung über die Notwendigkeit einer deutschen Übersetzung feststand.

 

Woher rührt Ihr Interesse an mazedonischer Literatur bzw. an Literatur vom sog. „Balkan“? Können Sie uns ein paar Besonderheiten zur mazedonischen Sprache verraten, gerade im Hinblick auf Fragen des Übersetzens?


Ich habe in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre in Marburg Slawistik und Osteuropäische Geschichte studiert und bis zum Jahr 2000 zunächst als Hilfskraft und später als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Slawische Philologie (mittlerweile geschlossen) gearbeitet. Mein Schwerpunkt war dabei Balkanphilologie. Mazedonisch spielte allerdings fast nur bei Fragen der historischen Grammatik eine Rolle. Als ich vor ca. zweieinhalb Jahren zufällig wieder auf diese Sprache aufmerksam wurde – das ist eine andere Geschichte, wie Rafik Schami sagen würde – habe ich als Erstes den deutschsprachigen (Lehr-)Buchmarkt und die Institute mit Südslawistik geprüft und festgestellt, dass wir es da mit einem riesigen Defizit zu tun haben. Das einzige Lektorat für Mazedonisch an der Universität Halle existiert seit Anfang dieses Jahres nicht mehr. Glücklicherweise leistet dafür heute das Internet unschätzbare Dienste, was aber nichts daran ändert, dass wir die Sprachen und Literaturen der Gegenwart auch „normal“ als solche behandeln müssen, denn etwas „Exotisches“ haftet dem Mazedonischen nun wirklich nicht an. Gerade Gjorgjevskis Kurzgeschichten lassen sich ohne irgendwelche „Verrenkungen“ oder Zugeständnisse  ins Deutsche übertragen.

Als Übersetzerin sind Sie zu einem bestimmten Grad auch Interpretatorin des Textes. In welchem Verhältnis sehen Sie die Themen und die Form der Kurzgeschichten? Was würden Sie an seinen Texten als speziell und ungewohnt bezeichnen?


Branislav Gjorgjevski schreibt einen klassischen Erzählstil, er vertritt also offenbar nicht den Standpunkt, dass man die unschönen Phänomene der modernen Zeit auch sprachlich so grob wie möglich ausdrücken müsste. Er behandelt bekannte Themen und beweist damit genau das, was der Grund dafür ist, dass die Geschichte der Literatur immer weiter geht: Es gibt keine gleiche Geschichte, auch wenn es in einer Zusammenfassung von Rezensenten manchmal den Anschein hat. Mit nur wenigen Worten gelingt es dem Autor, Spannung aufzubauen bzw. den Leser im Ungewissen zu lassen, was als nächstes geschieht, oder ihn nachdenklich zu stimmen. Amüsiert hat mich persönlich zum Beispiel bei dem Thema „Trennung“, dass der Erzähler es offenbar ganz in Ordnung findet, wenn ER SIE mit dem Argument verlässt, es sei so am besten für SIE, während umgekehrt der verlassene ER dieses selbe Argument von IHR nicht überzeugend findet. Verblüfft hat mich wiederum in der Geschichte „Die Stadt“ der Schluss, weil er einen Gedanken deutlich ausspricht, der sicher schon vielen gekommen ist: Dass ein und derselbe Ort Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Glück und Verzweiflung, Anfang und Ende verkörpert, je nachdem, unter welchen Umständen man ihn erlebt. Charakteristisch für die Geschichten ist, dass sie fast überall auf der Welt und zu jeder Zeit spielen könnten, obwohl wir aufgrund der biographischen Daten des Autors und in zwei Fällen durch weitere Hinweise vermuten können, dass sie von Mazedonien bzw. überwiegend von der Hauptstadt Skopje handeln. Erreicht wird dies nicht zuletzt durch den fast völligen Verzicht auf Orts- und Personennamen, auch auf Jahreszahlen. Trotzdem werden beim Lesen aus diesen anonymen Gestalten lebendige Menschen mit ihren Gefühlen, mit ihren Stärken und Schwächen, die beim Leser auf Verständnis und auf Sympathie hoffen dürfen.

 

Wie darf man sich die Arbeit der Übersetzerin vorstellen – waren Sie in Kontakt mit dem Autor, wie gestaltete sich die Kommunikation mit dem Herausgeber des Buches? Sie haben ja bereits mehrere Bücher übersetzt – verläuft das von Buch zu Buch anders oder gibt es bereits Rituale, Gewohnheiten, fixe Abläufe?

 

Bei meiner Arbeit trifft es sich gut, dass der Herausgeber fast aller meiner Übersetzungen, der Slawist Bernd E. Scholz, nach seiner Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Marburger Slawistik über 20 Jahre lang einen kleinen Verlag hatte und dass wir heute unter derselben Adresse zu erreichen sind. Meine russischen Übersetzungen gehen in der Regel auf seine Anregung zurück. Er ist zugleich immer auch der erste Leser und Korrektor. Dann allerdings beginnt der Teil seiner Arbeit, bei dem ich kaum helfen kann und bei dem ich immer wieder unangenehm beeindruckt bin, wie viel Zeit und technisches Wissen es braucht, um aus einem schlichten Word-Manuskript ein schönes Buch zu machen, wie es ihm bei Gjorgjevski gelungen ist. Für mehr Informationen empfehle ich einen Blick auf die Webseite www.bernd-von-der-walge.de.

Die Entstehungsgeschichte des Buches ist interessant: weshalb die Entscheidung, mit Amazon zu publizieren? Geht es auch darum, überhörte und unbekannte Stimmen abseits des sog. „Mainstream“ leichter publizieren zu können? Sehen Sie da neue Möglichkeiten für eine selbstbestimmte und unabhängige Kulturvermittlung, die zumindest ein wenig von dem ökonomischen Druck befreit werden könnte, dem viele Verlage heute unterliegen? Sehen Sie hier auch Gefahren oder Probleme?


Bevor wir uns auch bei diesem Buch für Amazon entschieden haben, hatten diverse Verlage in Deutschland und Österreich, wahrscheinlich war auch ein Schweizer dabei, ein ganzes Jahr lang die Chance, diesen Autor für sich zu entdecken. Das sollte uns bei Literatur auf diesem hohen Niveau zu denken geben. Gegen Amazon spricht nur eines: dass es noch sehr viele Literatur-Interessierte gibt, die bei einer dort verlegten Publikation nicht auf den Umschlag, nicht auf die Informationen zu Inhalt und Autor oder in das Buch selbst sehen, um es anzulesen und sich persönlich ein Bild zu machen, sondern stumpfsinnig auf das Impressum starren und dann sagen: „Hat Amazon nicht immer wieder Probleme mit der Gewerkschaft? Ich kaufe lieber ein Buch von einem richtigen Verlag. Und in einer Buchhandlung.“ Kommen wir jetzt einmal zu den „richtigen“ Verlagen und den Buchhandlungen. Eine Verlagspublikation einer deutschen Erstveröffentlichung, mit der Autor, Übersetzer und Verlag glücklich sein können, beginnt heute mit einer Danksagung an Stiftungen oder andere Sponsoren, die Honorare und vor allem die Begleichung der Druckkosten ermöglicht haben. Dies gilt – zumindest in Deutschland – selbst für die wenigen großen Verlage, die noch kein Teil von Random House geworden sind. Diese Verlage sind mit ihren Büchern in jeder Buchhandlung vertreten; trotzdem lassen sich offensichtlich allein durch den Verkauf die Unkosten nicht begleichen, geschweige denn Gewinne machen. Bei kleinen Verlagen sind die Buchhandlungen nicht kooperativ. Für Amazon spricht: Perfekte Zusammenarbeit, hervorragende Leistung bei Druck und Lieferung der Bücher, individuelle Lösungen für Schwierigkeiten jeder Art, buchstäblich über Nacht. Das Modell „print on demand“ an sich setzt sich ja auch bei vielen Verlagen bereits immer mehr durch. Die perfekte Umsetzung wird natürlich nur durch ein eingeführtes, weltweit vertretenes Unternehmen wie Amazon möglich. Und dann sollten wir nicht vergessen, dass wir mit Gjorgjevskis Kurzgeschichten ja auch diejenigen Leser erfreuen können, die einfach lieber oder zusätzlich ein eBook lesen. Hier bietet Amazon sogar zwei Möglichkeiten: entweder man kauft zum günstigeren Preis nur das eBook, oder man erwirbt das Taschenbuch und bestellt das eBook zum 0-Tarif dazu, wenn es der Herausgeber so festgelegt hat, und das ist bei uns der Fall. Was die Gefahren betrifft: Natürlich kann man auch bei Amazon schlechte Bücher produzieren. Aber wo ist das nicht möglich? Nicht jeder Schreiber kann ein Gjorgjevski sein...

 

Interview  geführt Anfang Dezember 2016 von Elena Messner