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Zitronenkuchen und Mittwochgedichte

Seher Çakir, geb. 1971 in Istanbul (Türkei), ist Lyrikerin und Erzählerin türkischer Herkunft, die in Österreich lebt und in deutscher Sprache schreibt und arbeitet. Im Interview mit der türkisch-österreichischen Autorin Seher Çakir erfahren wir von den Anfängen des Schreibens der Autorin, Namensfragen und blauen Augen, Migrationsvordergründen,  Saudade, werden eingeführt in die Lyrik und Prosa der Autorin, reisen in die Türkei und durch Europa, nicht zuletzt durch Wien. Geführt wurde das Gespräch von Elke Ritzlmayr und Paula Graf.

Wann trafen Sie die Entscheidung, Schriftstellerin zu werden? Gab es einen genauen Zeitpunkt oder war es ein Prozess?

 

Seher Çakir: Ich würde sagen, dass es eher ein Prozess war. Ich habe schon als Kind gerne Geschichten erfunden und diese meiner zwei Jahre jüngeren Schwester erzählt. Als wir dann nach Österreich gekommen sind, habe ich angefangen, sie aufzuschreiben. Jedoch war mir damals noch nicht klar, dass ich einmal Schriftstellerin werden würde. Diese Aussage habe ich zum ersten Mal im Rahmen des Englischunterrichtes getroffen. Damals wurden wir gefragt, was wir einmal werden wollen und ich habe gesagt „I want to become a writer.“

 

Bedeutet das, dass bei Ihnen zuerst der Wunsch zu schreiben vorhanden war und sich die Themen erst später herauskristallisiert haben, oder war es umgekehrt?

 

Seher Çakir: Ich glaube, es waren zuerst die Themen und Erlebnisse da, vor allem die Erlebnisse meiner Kindheit. Meine Eltern waren für einige Zeit nicht bei uns, und meine Schwester und ich lebten bei meinen Großeltern. Damals erzählte ich meiner Schwester jeden Tag in der Früh und am Abend unter anderem, wie es sein würde, wenn unsere Eltern zurückkämen. Ich beschäftigte mich also schon früh mit Themen wie Sehnsucht und eben auch mit Happy Ends. So betrachtet konnte ich zum Zeitpunkt, an dem die Themen aufkamen, noch gar nicht schreiben.

 

Von welchen Autoren und Autorinnen wurden Sie, Ihrer Meinung nach, am stärksten beeinflusst?

 

Seher Çakir: Da gibt es bestimmt sehr viele. Aber ich kann das ungefähr so sagen: Ich lese sehr gerne Bücher von Autoren, die einen ähnlichen Hintergrund wie ich haben. Als Beispiele kann ich Jhumpa Lahiri, Nadeem Aslam oder Feridun Zaimoglu nennen. Also AutorInnen mit Migrationshintergrund. Ich finde das einfach spannend. Aber ich lese natürlich auch Klassiker, wie zum Beispiel Thomas Bernhard. Den habe ich neulich erst wiederentdeckt.

 

Sehen Sie sich, insbesondere in Hinblick auf Ihren Schreibstil, stärker in der österreichischen oder in der türkischen Literaturtradition verankert?

 

Seher Çakir: In der türkischen Literatur fühle ich mich eigentlich gar nicht richtig heimisch. Ich bin zwar davon überzeugt, dass ich in irgendeiner Art von der türkischen Literaturtradition beeinflusst wurde, immerhin habe ich die ersten 5 Schuljahre in der Türkei verbracht, da muss irgendetwas hängen geblieben sein. Literarische Erziehung in dem Sinne hatte ich aber erst in Österreich. Die meisten Bücher habe ich daher bestimmt auf Deutsch gelesen.

  

Sie sprechen in Ihren Werken oft heikle Themen, wie zum Beispiel Zwangsehe, Ehrenmord oder Abtreibung an. Sehen Sie das als die Aufgabe einer Schriftstellerin, beziehungsweise als Ihre Verpflichtung?

 

Seher Çakir: Also ich fühle mich zu gar nichts verpflichtet. Es ist mir aber auf jeden Fall sehr wichtig, solche Themen anzusprechen. Das sind Themen, die mich berühren, und ich möchte gerne darüber sprechen und schreiben, damit andere, gerne oder ungerne, darüber lesen. Das sind alles Geschichten, die ich von irgendjemandem irgendwo mitbekommen habe. Es sind also Themen, die aus dem Leben gegriffen sind – und es sind wichtige Themen. Es kann heute noch passieren, dass Menschen zwangsverheiratet werden. Das ist topaktuell. Nicht nur in der Türkei, sondern auch in Indien oder im arabischen Raum und so weiter. In Europa haben wir leider lange darüber hinweggesehen. Eine der ersten Erfahrungen, die ich, als ich mit zwölf Jahren in Österreich angekommen bin, gemacht habe, war die folgende: Unsere Nachbarin in Österreich erzählte uns, dass ein junges Mädchen ein paar Tage zuvor von ihrem Vater und ihren Brüdern in die Donau geworfen wurde und gestorben ist. So etwas kann einen nicht kalt lassen, zumindest lässt es mich überhaupt nicht kalt. Ich muss dann darüber schreiben.

 

Kann man also sagen, dass Sie schreiben, um zu verändern?

 

Seher Çakir: Wenn es mir gelingt, freue ich mich wahnsinnig. Es ist auf jeden Fall ein Wunsch von mir, die Denkweisen mancher Menschen ein bisschen verrücken zu können, damit sie nicht so festgefahren sind.

 

Könnte man in der Türkei ebenso gesellschaftskritisch schreiben wie Sie im Erzählband „Zitronenkuchen für die 65. Frau“? Könnten Sie das Buch 1:1 so in der Türkei veröffentlichen?

 

Seher Çakir: Ich glaube, der „Zitronenkuchen“ ist gar nicht so skandallös, dass man ihn in der Türkei nicht veröffentlichen könnte. Vor allem, nachdem Elif Shafak dort mit „Der Bastard von Istanbul“ ein Buch veröffentlicht hat, das von Themen wie Inzest und Abtreibung handelt. Ich glaube, heutzutage könnte man ein Buch wie den „Zitronenkuchen“ in der Türkei schon veröffentlichen, doch bis jetzt hat sich noch kein türkischer Verlag bei mir gemeldet und um eine türkische Übersetzung gebeten.

 

Wie wir erfahren haben, stehen Sie der Kategorisierung von Literatur in Schubladen wie „Migrantenliteratur“ sehr kritisch gegenüber. Glauben Sie, dass dieses Schubladendenken (auch außerhalb der Literatur, Stichwort Rassismus), je aufhören wird? Und welchen Weg sehen Sie dafür?

 

Seher Çakir: Wenn ich diesen Weg kennen würde, würde ich ihn sofort jedem zeigen. Dann wären all diese Probleme, die wir leider haben, gelöst. Ich wüsste wirklich gerne, wie das geht und ich hoffe, dass dieses Schubladendenken eines Tages aufhört. Es braucht noch viel Zeit und viel Geduld, aber die Veränderungen, die Sie gerade angesprochen haben, die kommen. Der Weg ist meiner Meinung nach nicht zu jammern, sondern zu handeln. Nicht nur zu reden, sondern zu handeln. Tun tun tun. Und offen sein – weltoffen sein. Ich bin jedoch nicht generell gegen Schubladisierungen. Das Kategorisieren von Büchern in Genres wie zum Beispiel „Liebesroman“ oder „Krimi“ finde ich beispielsweise in Ordnung. Ich habe aber ein Problem mit Betitelungen wie zum Beispiel „Gastarbeiterliteratur“, „Migrantenliteratur“ oder „Frauenliteratur“. Da frage ich mich: „Was soll das? Was bedeutet ‚Frauenliteratur‘? Literatur, die nur Frauen lesen dürfen oder Literatur, die nur von Frauen geschrieben wird?“ Wenn ich etwas über Frauen schreibe, hoffe ich doch, dass das auch ein Mann liest, damit er die Frauen versteht. Genauso verhält es sich mit dem Wort „Migrantenliteratur“. Nur weil ich aus der Türkei komme, schreibe ich Migrantenliteratur? Warum? Renate Welsh schreibt seit Anfang der 70er Jahre über Menschen mit Migrations-, sagen wir -vordergrund, damit das nicht immer im Hintergrund bleibt. Sie wird aber nicht als Migrantenliteratin bezeichnet. Genauso Günter Wallraff oder Milan Kundera – Migrantenliteraten? Das ist eine Unkonstruktion im Deutschen. So etwas bringt mich auf die Palme.

 

Warum heißt Ihr Gedichtband „Mittwochgedichte“ „Mittwochgedichte“?

 

Seher Çakir: Ich liebe diese Frage! Ich liebe sie wirklich! Es ist ganz einfach: Beim Erfinden von Buchtiteln denkt man: „Das muss ein Eyecatcher sein, das muss knallen!“. Darum habe ich mir über den Titel wirklich sehr lange den Kopf zerbrochen. Dann habe ich gedacht, ich mache das ganz einfach. Ich beziehe mich einfach auf meine Wurzeln. Nämlich: Wo komme ich her? Ich komme von meinen Eltern. Wo kommen meine Eltern her? Meine Eltern kommen aus Mittwoch. So heißt einfach der Ort! [lacht]. Und das ist wirklich aufgegangen. Die Leser haben sich gefragt: „Warum nicht Donnerstag? Oder Dienstag? Warum Mittwoch?“. Eben weil ich meine Kindheit in Mittwoch verbracht habe. Weil der Titel gefühlsbetont sein sollte; und Gefühl ist für mich Kindheit und Kindheit ist Gefühl.

 

Die Kurzgeschichte „Sevim und Savas“ aus dem „Zitronenkuchen für die 65. Frau“ gibt es auch als Theaterstück. Welche Version gab es zuerst, und welche ist die „wahre“? Warum gibt es überhaupt zwei, auch inhaltlich so unterschiedliche, Versionen?

 

Seher Çakir: „Sevim und Savas“ beruht auf einer wahren Begebenheit. 2007 hat sich ein junges Paar in Tirol das Leben genommen, weil sie Sunnitin und er Alevit war. Ich habe diese Geschichte von einer Bekannten des Mädchens, das gestorben ist, erfahren. Das hat mich sehr berührt und traurig gemacht. Als ich dann ein Stipendium bei den Wiener Wortstätten bekommen habe, und es um die Themenfindung für ein Theaterstück ging, fiel mir diese Geschichte ein. So entstand zuerst das Theaterstück „Sevim und Savas“. Nachdem es meiner Herausgeberin vom „Zitronenkuchen“ auch sehr gut gefallen hat, schlug sie mir vor, es umzuschreiben. Da sich das Paar im wirklichen Leben erhängt hat, wollte Hans Escher von den Wiener Worstätten nicht, dass ich sie im Theaterstück sozusagen nocheinmal umbringe. In der Kurzgeschichte habe ich mir dann der Wahrheit entsprechend ein bisschen diese Freiheit genommen. Daher unterscheiden sich die beiden Versionen, vor allem im Ende, voneinander.

 

Im bereits angesprochenen Erzählband „Zitronenkuchen für die 65. Frau“ beschreiben Sie Schicksale von Frauen mit und ohne Migrationshinter-/vordergrund. Wie wird der neue Erzählband „Ich bin das Festland“ aussehen?

 

Seher Çakir: Da gibt es auch Geschichten von Menschen mit Vorder-/Hinter-/Seitgrund. Es werden Kurzgeschichten sein, teilweise schräge Geschichten. Vor allem die Kurzgeschichte „Ich bin das Festland“. In welches Genre würde das hineinpassen? Experimentell? Nicht wirklich … Es sind Kurzgeschichten. Mit und ohne und Links und Rechts … Geschichten von Menschen, Frauen und Männern.

 

Wann wird der neue Band erscheinen?

 

Seher Çakir: Anfang April. Bis dahin muss ich noch ein paar Geschichten fertig schreiben.

 

Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie Deutsch oder Türkisch schreiben?

 

Seher Çakir: Ja, ich kann meine Geschichten nur auf Deutsch schreiben. Ich kann auf Türkisch E-Mails und Briefe schreiben, kurze Notizen machen, keine Frage. Aber meine Literatursprache ist Deutsch.

 

Warum ist das so?

 

Seher Çakir: Ich würde sagen, dass sich meine deutsche Sprache, nachdem ich hier, in einem deutschsprachigen Raum, sozialisiert wurde, besser entwickelt hat als die türkische. Zu Hause haben meine Eltern immer wieder verlangt, dass wir türkisch sprechen. Wir haben auch türkisch gesprochen, nur: Was spricht man denn zu Hause so? Das Alltägliche. Es gab keine Bildungsszene auf Türkisch, als ich hier ein Kind war. Es gab zwar Vereine, wo wir auch hingegangen sind, aber da haben wir nur türkische Volkstänze gelernt. Ich kann ich mich nicht erinnern, dass es irgendeinen Gedichtabend gegeben hätte. Es gab immer wieder Kinoabende, wo sie türkische Filme gezeigt haben, aber das war‘s dann auch schon. Es war den Leuten im Umfeld meiner Eltern wichtig, dass wir Deutsch lernen. Und in dem einen Verein, in dem meine Eltern waren, gab es Deutschkurse für neu Dazugekommene.

 

Sie können Ihre eigenen auf Deutsch verfassten Gedichte dann aber schon ins Türkische übersetzen, was Sie ja bei den „Mittwochgedichten“ getan haben.

 

Seher Çakir: Ja, natürlich. Die sind ja schon da und bei Gedichten ist es auch etwas anderes. Es kann sein, dass, wenn ich da drei Sätze auf Deutsch geschrieben habe, der vierte auf Türkisch ist, oder dass mir ein türkisches Wort einfällt und so weiter. Und nachdem die Gedichte sehr gefühlsbetont sind, kann ich meine Gedichte übersetzen, weil ich ganz genau weiß, wie ich etwas auf Türkisch sagen will. Es ist natürlich nicht eins zu eins übersetzt, aber das kann man ja auch nicht.

 

In der Kurzgeschichte „Die mit Rosen" wird erklärt, dass der Name „Güllü" eben „Die mit Rosen" bedeutet. Hat Ihr Name auch eine Bedeutung?

 

Seher Çakir: Ja, meine Vorname „Seher" bedeutet „Morgendämmerung". Namen bedeuten im Türkischen meistens irgendetwas, und meiner bedeutet „Morgendämmerung". Das passt mir ganz gut, denn da geh ich meistens schlafen. [lacht] „Çakir“ist sehr schwierig zu übersetzen, weil dieses Wort eigentlich „blau" bedeutet, aber nur als Augenfarbe. Und es ist kein Künstlername, sondern Zufall, dass ich blaue Augen habe. Mein Vater hat keine blauen Augen, nur meine Mutter, und der Name ist ja von meinem Vater. „Çakir" bedeutet also „Der oder Die mit den blauen Augen“. Mein zweiter Vorname, den ich nicht aufgeschrieben bekommen habe, auf den ich aber ganz stolz bin, passt wahnsinnig gut zu mir, finde ich, und ich verwende ihn jeden Tag. Der Name „Devrim", der mir mein Vater geben wollte, was die politische Situation in der Türkei aber nicht erlaubt hat, bedeutet „Revolution".

 

Bei Ihrer Lesung in der Buchhandlung „tiempo nuevo" haben Sie gesagt, dass jeder Autor sich von seiner Biographie inspirieren und beeinflussen lässt, und wer das leugnet, der lügt. In vielen ihrer Kurgeschichten spielt das Motiv des Weggehens eine Rolle. Hängt das damit zusammen, dass Sie als Kind zuerst oft innerhalb der Türkei umgezogen und dann nach Österreich ausgewandert sind?

 

Seher Çakir: Vermutlich, ja. Und heute habe ich wieder gefragt: "Wann gehe ich woanders hin?" Nicht, dass ich Wien nicht gern hab, ich mag es hier, aber ich glaube, ich bin schon zu lange hier. Ich habe noch nie wo so lange gelebt, in der Türkei schon nicht und auch danach nicht. Und ich denke mir: Die Welt ist so groß, warum an einem Ort steckenbleiben? In den letzten zwanzig Jahren konnte ich nicht wegziehen, weil ich eine Tochter habe, die jetzt aber schone eine junge Frau ist, und deshalb glaube ich, dass die Zeit vielleicht bald reif ist … Ich möchte mal hier und mal dort leben, und weil ich das nicht kann, schicke ich meine Protagonisten weg. Und ich liebe es, spontane Weggehaktionen zu machen, aber ich komme dann immer wieder zurück. Meine Protagonisten lasse ich, nachdem ich nicht bleiben kann, dort.

 

Spontan geht auch die Hauptfigur in „Einmal Lissabon und kein Zurück" weg und bleibt auch fort, in Lissabon.

 

Seher Çakir: [lacht] Ich liebe diese Geschichte. Erstens liebe ich, wie sie entstanden ist, und zweitens die literarische Umsetzung. Das ist eine total versoffene Geschichte gewesen. [lacht] In dieser Geschichte gibt es einige Elemente aus meinem eigenen Leben. Es gibt Geschichten, wo es vielleicht nur eine Gefühlslage, ein Satz oder ein Wort ist. Natürlich ist jeder Autor autobiographisch, insofern es ja von ihm kommt, also ist da irgendetwas von ihm dabei. Das habe ich auch damit gemeint, dass jeder Autor lügt, wenn er autobiographische Züge leugnet. In der Lissabon-Geschichte ist von mir einiges dabei, nämlich der Ausblick aus dem Fenster, der da beschrieben wird – dieser Garten existiert, existierte zumindest im Februar 2009 –, die Sonne, die da so schön beschrieben wird, die Geschichte mit dem Fluss, wo die Protagonistin sagt, „Verflucht, warum hab ich Geographie nicht mehr aufgepasst!", und eben das nach Hause Gehen und Packen in 5 Minuten - das ist alles echt gewesen. Ich habe diese Aktion mit meiner Cousine gemacht. Wir hatten einige Cocktails und ein auch paar Shots und dann haben wir gesagt, „Wie schön wäre es, wenn wir jetzt wegfliegen würden!" Dann sind wir zum Flughafen gefahren, und die Maschine nach Lissabon hatte Verspätung, deshalb konnten wir sie nehmen, denn um diese Zeit gab es sonst keine Flüge mehr. Wir sind zum Ticketschalter gegangen und haben gesagt: "Wir hätten gern einen Flug für die nächste Maschine, egal, wo sie hingeht!“ Am nächsten Tag im Hotel bin ich aufgewacht, habe das Fenster aufgemacht und mir gedacht: "Wooow!" Wir haben vier wunderschöne Tage in Lissabon verbracht, und daraus ist diese Geschichte entstanden.

 

In der Geschichte spielt ja auch eine bestimmte Stimmungslage, nämlich Saudade eine große Rolle. Empfinden Sie dieses Gefühl auch manchmal oder sehnen Sie sich danach?

 

Seher Çakir: Das ist ein Teil von mir, ich bin unbeschreiblich melancholisch. Und ich wusste nicht, dass es, außer der türkischen, noch eine andere Sprache gibt, die Melancholie, Sehnsucht, Wehmut und Traurigkeit in einem Wort zusammenfasst. Das gibt es auf Türkisch und scheinbar auch im Portugiesischen. Und ich bin überzeugt, dass es auch in anderen Sprachen existiert. Auf Englisch ist es in etwa Blues, aber das trifft es nicht hundertprozentig.

 

Inwiefern verarbeiten Sie in den „Mittwochgedichten" Persönliches wie zum Beispiel Trennungen und die Beschäftigung mit dem Tod?

 

Seher Çakir: Bei der Buchpräsentation der „Mittwochgedichte" in Deutschland (weil sie in einem deutschen Verlag erschienen sind), kam nach der Lesung eine alte Frau zu mir und sagte: „Sie sind doch so jung, warum schrieben Sie nur über den Tod?" Der Tod betrifft uns alle, und ich habe den Tod ziemlich jung kennengelernt. Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen alt sterben, aber ich hab ein riesen Problem damit, wenn Menschen sehr jung sterben, und ich kenne einige Menschen, die sehr jung gestorben sind. Ich war 16 Jahre alt, als ich meinen Bruder verloren habe. Deswegen ist das sehr autobiographisch, würde ich sagen. Und Trennungen, ja ... als junge Frau verliebt und entliebt man sich, man erlebt glückliche und unglückliche Lieben. Das pflastert doch unseren Weg, oder? Ich war auch einmal jung. [lacht]

 

Gibt es Orte, die Sie besuchen, oder Dinge, die Sie tun, wenn Sie in Wien sind und sich nach der Türkei sehnen? 

Seher Çakir: Wenn ich mich nach der Türkei sehne, dann genau nach Antalya und nach der Sonne. Und wenn ich mich nach Antalya und Sonne sehne, dann fliege ich einfach hin, man fliegt ja nur zweieinhalb Stunden. Ansonsten vermisse ich eigentlich nichts, weil mein Leben eine Mischung aus türkischer und der österreichischer Kultur ist. Ich bin hier aufgewachsen, also gibt es nichts, was ich konkret vermissen könnte. In der Türkei habe ich die ersten 12 Jahre verbracht. In die Kindheit kann man nicht zurückkehren, das ist ein Faktum. Der Ort meiner Kindheit existiert so nicht mehr, habe ich gehört. Deshalb ist es mir lieber, ich bewahre meine Erinnerung an ihn. Und was das Ausgehen in Österreich betrifft, habe ich viel ausprobiert, am wohlsten fühle ich mich aber in einem arabischen Lokal im 1. Bezirk gegenüber der Universität. Es ist nicht türkisch und hat nichts mit meinen Wurzeln zu tun, aber dort fühle ich mich am wohlsten. Wenn ich mich nach 1001 Nacht sehne, dann gehe ich dorthin und amüsiere mich mit einer Musik, die ich nicht verstehe, die mich aber total anspricht.