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Ostwärts, westwärts. Von Dorfidyllen, Stadtentdeckungen und dem Zustand Exil

Gespräch von Elena Messner mit der Lyrikerin Snežana Minić

Wir lesen im ersten Gedicht des Bandes einerseits von einer „heilsamen Distanz“, aus der Sie schreiben und die wohl zeitlich als auch räumlich gemeint ist, und dann später, im selben Gedicht, davon, wie etwas „verpasst“, verlorenen wurde. Im Gedicht „Niemandsland“ geht es um ein „neues“ Land, um die Suche nach „dem rechten Ort für sich“. Das Exil ist ein zentrales Thema Ihrer Dichtung, Sie verließen Serbien Anfang der Neunziger. Wie gestaltet sich dieser Rückblick auf eine frühere „Heimat“?

 

Das Exil ist ein uraltes Phänomen in unserer Kultur, verbunden mit dem Begriff der Freiheit. Bei mir geht es nicht um Verbannung oder Vertreibung, aber es geht doch, wie das Brodsky sagen würde, um einen „Zustand, den wir Verbannung nennen“. Als ich Serbien verließ, Belgrad, wo ich lebte, fanden da jeden zweiten Tag Kundgebungen statt, wo man politischen nationalistischen Kitsch hören konnte, z.B.: "Serbien den Serben", "Die Serben sind ein himmlisches Volk und eines der ältesten Völker der Welt", „das Volk ereignet sich“, etc. Alles erinnerte an Deutschland vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Und wir haben mit zwei Koffern und zwei kleinen Kindern das Land verlassen. Wir haben nur das Nötigste mitnehmen können, und unser bisheriges Leben ist stehengeblieben, mit seinen Büchern, Gemälden, Freunden, Neigungen, Liebschaften. Im neuen Land angekommen, wie vom Winde verweht, musste man für sich eine Nische ausbauen, sich selber neu erfinden und dabei viele Entbehrungen auf sich nehmen. Man vermisst stets das gewisse Etwas, etwas ganz Unbestimmtes, Farbenglanz, das Blau des Himmels, usw.  Es geht um ein methaphysischen Zustand. Man lebt nicht in der Vergangenheit, aber die Vergangenheit wird allgegenwärtig. Ja, es ist auch ein linguistisches Ereignis, im Exil zu sein. 

 

Weshalb bekam Ihr erster auf Deutsch erscheinender Sammelband, in dem Übersetzungen von Gedichten aus fünf verschiedenen Gedichtbänden versammelt wurden, den Titel – „Ostwärts, westwärts“, der ja der Titel eines Gedichts über einen windigen Besuch an der Ostsee und einer dort gemachten Fotografie ist?

 

Ich kann das nicht genau sagen. Dragoslav Dedović, der die Gedichtauswahl aus allen meinen bis jetzt veröffentlichten Gedichtbänden vorgenommen hat, hat dieses Wortgefüge für gut gehalten. Es ist auch symbolisch gemeint, indem es den ersten Band der Edition Serbische Lyrik beim Drava Verlag einleitet. Außerdem gibt es ein sehr bekanntes Buch von einem serbischen Sozialisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dem Gründer der sozialdemokratischen Bewegung im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, Svetozar Marković: Srbija na Istoku [Serbien im Osten]. Heutzutage wollen ja fast alle in Serbien ihr Land eher im Westen verorten. Da sind diese Orientierungsbegriffe sehr ideologisch belastet und ich habe versucht, mich davon zu entfernen, indem ich im Norden, an der Ostsee, darüber nachgedacht habe. Noch etwas: Man hat z.B. in Serbien immer von Ostdeutschland und Westdeutschland, Ostberlin und Westberlin gesprochen. Diese Begriffe zeigen uns eigentlich, wie sehr wir in Europa gespalten sind. Abgesehen von ideologischen und politischen Spaltungen, die noch aus der Zeit des Kalten Krieges herrühren, sind wir auch in „nördlich“ und „südlich“ gespalten, man denke nur an das aktuelle Gerede über Nord- und Süd-Euro. Wir haben unser gemeinsames Haus Europa noch zu befestigen und Lücken zu schließen.

Im Nachwort werden als ihre literarischen Vorlieben u.a. Konstantin Kavafis, Paul Celan, Joseph Brodsky, Nina Berberova, Gertrude Stein, Marina Cvetajeva, Danilo Kiš etc. angegeben. In ihren Gedichten finden sich Verweise auf weitere AutorInnen: Die beiläufige Erwähnung von Biljana Srbljanovićs Dramen oder Benns Lyrik, die Nennung von Ida Lothringen, die Miloš Crnjanski assoziieren lässt, die Erwähnung eines an Handke erinnernden Schriftstellers, und des wenig verschlüsselten deutschen Lyriker Uwe K. (Kolbe), eine Widmung an Charles Simić oder Antonin Artaud, Schreiben über Wilhelm Butler Yeats Rot-Hanrahan – treten Sie mit solchen Zitaten bewusst in einen teils kritischen, teils geistesverwandtschaftlichen Dialog mit Texten und AutorInnen?

 

Ja, ich bin ständig in den Texten, in den Büchern, es scheint mir, dass ich sie als meine neue Wirklichkeit erlebe. Und dabei habe ich festgestellt, dass z.B. Gertrude Stein fast ihr ganzes Leben in Paris verbracht hat und ihre Werke auf Englisch verfasst hat, dass zur gleichen Zeit auch Nina Berberova in Paris lebte, die auf Russisch geschrieben hat, oder Czesław Miłosz, der seine Werke in polnischer Sprache schrieb. Oder James Joyce. Oder Konstatin Kavafis, der in Aleksandria (Ägypten) lebte und für sich behauptete, er sei ein Hellene. Meine Wahlverwandtschaften sind die Autoren, die sich eher an ihre Sprache als an die Heimat gebunden fühlten. Obwohl das gar nicht möglich ist, es so getrennt zu betrachten. Man erfindet seine Heimat neu mit der Sprache. Das ist dann vielleicht eine Ersatzheimat, aber bietet etwas von der Geborgenheit und Wärme und vermittelt das Gefühl „hier kenne ich alles, jeden Pfad und jeden Baum“. Insofern befindet man sich in einem ununterbrochenen Dialog.

 

Wir begegnen in Ihrer Lyrik präzisen Szenen aus einem serbischen (Dorf-)Alltag – etwa im Gedicht „Niš – Ende des 20. Jahrhunderts“ über Ihre Geburtsstadt, oder in dem Gedicht „Vaters Land“. Im Gedicht „Durch-Bruch in Bad Prolom“ (das im Original effektvoller „Prolom, pro-lom“ heißt) wird ein knappes Bild alter (pensionierter) Serben gegeben, das schon fast als lyrischer Neorealismus bezeichnet werden könnte. Und im Gedicht „Erlauben Sie mir, diesen kleinen Triumph des Geistes vorzuführen“ wird ebenfalls eine traditionelle Dorfidylle entworfen, die sie dann in zwei Schlusszeilen ironisch mit der Erzählung von der Rock´n Roll-Ära und wilden Fahrten auf Motorräder brechen. Diese Szenen sind häufig nüchtern-poetische Momentaufnahmen, die melancholisch, aber auch sanft ironisch wirken, teils auch mythisch, ohne mythologisierend sein zu wollen. Andererseits ist ihre Prosa keineswegs archaisch oder traditionalistisch, so finden wir hier etwa auch Versatzstücke aus demheutigen alltäglichen Leben, von der U-Bahn und dem Werbe-Screen bis zur Hautcreme. Wie sehen Sie das Wechselspiel zwischen Ihrer sehr urbanen und neorealistisch-ländlichen Lyrik?

 

Das haben Sie sehr gut bemerkt. Mein Bezug zum Dorf, zum Ländlichen ist sehr stark ausgeprägt, zunächst weil ich als Kind alle meiner Schulferien dort verbrachte, bei meinen Großeltern, weil meine Eltern in der Stadt arbeiten mussten. Und da wird man direkt mit der Natur konfrontiert, mit Naturgewalt auch. Da habe ich für mich die Welt begriffen: mit meiner Oma habe ich Heilpflanzen gesammelt und sie für den Winter getrocknet, bei der Apfelernte geholfen, meinen Opa mochte ich unheimlich gern, weil er so schön erzählen konnte. Sie sprachen eine andere Sprache, die altertümlich und weise klang, eine Sprache geprägt mit Sprichwörtern, ungewöhnlichen Vergleichen, diese Sprache hatte etwas Mythisches in sich. Daher die Melancholie. Als ich erwachsen wurde, das passierte eben in der Rock‘n Roll-Ära, sind meine Großeltern gestorben und niemand wollte mehr auf dem Lande leben. Die Städte wurden größer und staubiger und stinkig und bunt und schön... daher der Neorealismus in meiner Lyrik. Das Wechselspiel, das Sie erwähnten, entspricht meinem Leben, das meine Lyrik ist.

Snežana Minić mit Stevan Tontić
Snežana Minić mit Stevan Tontić

Der Dialog mit der Geschichte, der serbischen und der deutschen, ist in vielen der Gedichte spürbar. Da gibt es Gedichte, die den Vernichtungskrieg des Deutschen Reiches thematisieren, an anderer Stelle taucht die Berliner Mauer auf, die zu einem Kaffeehausnamen und Schlüsselanhängern mutiert ist, und nicht zuletzt gibt es auch den jüngsten Krieg, in den Serbien verwickelt war, und der Mitauslöser für Ihren Weggang Anfang der 90er war. Wie sehen Sie diese Spuren politischer Geschichte in Ihren Gedichten? 

 

Als ich zwanzig Jahre alt war, während meines Germanistikstudiums, bekam ich ein einjähriges Stipendium an der Humboldt Universität zu Berlin. So bin ich zum ersten Mal mit der Geschichte in Berührung gekommen. Im Zug, während der Anreise hat uns der Zöllner an der Grenze zu DDR-Tschechei gefragt: Sie wollen in die Hauptstadt? Er vermied es, das Wort „Berlin“ auszusprechen. In Ost-Berlin konnte man dann noch Ruinen aus dem Zweiten Weltkrieg sehen. Die Stadt war durch die Mauer geteilt, aber hatte einen gewissen Charme. Es war eben Geschichte life, man bewegte sich durch ihre Ruinen und ihre Neubauten neugierig und hastig... In gewissem Sinne können wir nicht viel zur „Geschichte“ beitragen. Wir werden von ihr überrollt. Mein Opa mütterlicherseits, Bauer und Apfelhändler, wurde von den Partisanen 1942 ermordet, weil er sich der Bewegung nicht anschließen wollte. Er wollte weiter Äpfel züchten. Mein anderer Opa hatte den Krieg in deutschen Kriegsgefangenschaft er- und überlebt. Es erzählte mir, dass er auf den Feldern gearbeitet hätte, dass er seine Zähne gründlich reparieren ließ, dass er in eine gewisse Olga aus der Ukraine verliebt wäre... Er blieb Zeit seines Lebens Deutschlandfan, konnte Deutsch sprechen, wollte, dass ich unbedingt Deutsch und nicht Französisch lerne... undsoweiter...

 

Auch Weiblichkeit bzw. weibliche Erfahrungen sind ein zentrales Moment in Ihrer Lyrik. Würden Sie sich als bewusst als Frau schreibende bzw. gar als feministische Autorin einordnen lassen?

 

Ich würde mich als bewusst als Frau schreibende Autorin bezeichnen, ja, schon. Dazu möchte ich hinzufügen, dass ich bis zu meinem achten Lebensjahr fest überzeugt war, dass ich männlich bin, bzw. ich habe mich nicht von meinen Straßenkameraden unterschieden, und ich wusste nicht, dass ich weiblich bin. Mein Vater hat mir einmal die Schuhe für Jungs gekauft und ich habe das als normal empfunden. Meine Mutter war anderer Meinung und hat sie sofort umgetauscht.

 

Sie sind selbst auch Übersetzerin aus dem Deutschen. Glauben Sie, dass dies einen Einfluss auf Ihr Schreiben hat? Welche Texte haben Sie übersetzt und wie erleben Sie den Übersetzungsprozess?

 

Mit den Übersetzungen ist es bei mir schwierig. Ich übersetze nur das, was mir persönlich gefällt, was ich für gut und interessant finde. Ich nehme kein Rücksicht auf Verlage oder Wünsche anderer Menschen, weil das Übersetzen für mich ein Entdeckungserlebnis ist, das mir Freude macht, das für mich ein Vergnügen ist. Und das beeinflusst mich und mein Schreiben auf eine intime Weise. Nur ein Beispiel: Ich habe vor dreißig Jahren ein Gedicht von Sarah Kirsch („Ich will meinen König töten“) übersetzt und in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht (Knjizevna reč). Ihre Lyrik habe ich sehr gemocht und stets gelesen und erst voriges Jahr erschien eine größere Auswahl ihrer Gedichte in serbischer Sprache in meiner Übersetzung. Ja, manchmal muss man viele Hindernisse bei der Veröffentlichung in Kauf nehmen.

 

Wie sieht es mit ihren Schreibanfängen aus, wann und wie begannen Sie Lyrik zu schreiben? Weshalb schreiben Sie (immer noch) Lyrik, die zu der am Buchmarkt unbeliebtesten Gattung gehört?

 

Alles begann schon ganz früh, in meiner Kindheit. Meine Mutter konnte viele Gedichte auswendig und manchmal hat sie diese für mich rezitiert. Sie hat auch sehr oft Lieder unaufgefordert in meiner Anwesenheit gesungen. Als ich in die Schule kam, wusste ich viele Lieder und Gedichte und außerdem schrieb ich immer tolle Aufsätze zum Thema wie „Was hat mir das gelbe gefallene Kirschblatt erzählt“ bei unserer Lehrerin, oder auch kleine Gedichte. Das wurde in der Schulzeitung einmal im Jahr abgedruckt. Dann wurde ich älter und habe andere Themen entdeckt, Liebe, Tod usw. und im Gymnasium habe ich in Niš meine ersten Gedichte publiziert. Ich schreibe in der letzten Zeit nicht viel Lyrik, eher eine Art Tagebuch, Prosa. Ich bin der Meinung, dass sich Lyrik vielleicht wieder zu mündlicher Volkslyrik verändern wird... Oder zu einer Internetgattung herabgestuft wird... Für mich ist Lyrik eher ein Rhythmus, ein Gefühl, eine innere Kraft, etwas Körperliches. Sie ist übrigens allen Menschen immanent und verständlich.

 

 

Das Gespräch führte Elena Messner. Der Band "Ostwärts, westwärts" erschien 2012 im Drava Verlag.

 

03.05.2012