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Nachrichten aus Belgrad, der Weißen Stadt

von Elena Messner

... so betitelte die Herausgeberin Annemarie Türk das 2011 erschienene schmale Bändchen, das über die Kunst- und Kulturszene und das Leben in der im Südosten Europas liegenden Stadt informieren soll. Die Nachrichten aus Belgrad, die uns  SchriftstellerInnen, bildende KünstlerInnen und KuratorInnen, FilmemacherInnen, FotografInnen und MusikerInnen, sowie ein Anthropologe und ein Literaturkritiker in diesem Band zusenden, sind, wie kaum anders zu erwarten war, politisch, persönlich, provokant: es sind die Konflikte einer Transitionsgesellschaft, die wirtschaftlichen Nöte eines Nachkriegslandes, Korruption, und mittendrin eine lebendige Kunst- und Kulturszene, die uns vor Augen geführt werden; das mag zu Beginn gar nach typischen Südosteuropaklischees klingen.

 

Ist es aber nicht, denn die BriefschreiberInnen haben durch ihre radikale Subjektivität und ihre teilweise geradezu erstaunliche Offenheit, über Persönliches und Politisches gleichermaßen zu berichten, dafür gesorgt, dass nicht nur das Informationspotenzial des Buches sehr hoch ist, sondern dass auch nicht selten der Eindruck entsteht, man lese hier tatsächlich an einen selbst gerichtete Briefe. Eine Sammlung von Briefen ist der Band im engeren Sinne natürlich nicht, wir finden stattdessen eine Reihe von Essays, politischen Analysen, Betrachtungen der Kunst- und Kulturszene, oft introspektiven und autobiografischen, wütenden und zärtlichen Texten, die über die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in Belgrad und Serbien berichten, sich in ihren Analysen teilweise widersprechen, oder einander ergänzen. So bietet das Buch ein Bild dieser Stadt, das keinerlei touristische Absichten hat, dafür aber eine ehrliche und zugleich faszinierende Textsammlung ist. Über die zeitgenössische Kunst, Kultur oder Literatur erfährt man weniger, dafür aber, wie die Herausgeberin Annemarie Türk im Vorwort verspricht, davon, wie es ist, eine solche in Serbien (oder in dessen wirtschaftlichem und kulturellen Zentrum Belgrad) produzieren zu wollen, vielen Widerständen zum Trotz.

Dass die Auswahl nicht repräsentativ sein soll, aber auch keine willkürliche war, betont die Herausgeberin, die auch hinzufügt, dass das Buch die Absicht habe, neugierig zu machen und dazu zu verführen, einen anderen Blick als jenen „von Unwissen und Vorurteilen genährten“ auf die Stadt zu werfen. Den Band leitet die Fotografin und Ausstellungskünstlerin Ana Adamović ein, die ihrer schrittweisen „Aussöhnung“ mit dem Belgrad nach den 90er Jahren nachgeht. Als erste im Band erwähnt sie eine Tatsache, die von vielen der AutorInnen aufgegriffen wird: das 1965 mit so großem Stolz eröffnete Museum für moderne Kunst in Belgrad, ist, wie das Nationalmuseum, heute geschlossen. Ein Zustand, den Adamović als Anlass nimmt über die Kulturprovinz nachzudenken, zu der Belgrad geworden sei, ohne seinen Status als kulturellen Anziehungspunkt bis heute vollends verloren zu haben. Die Schriftstellerin Marija Knežević wird in ihrem Text, in dem sie ebenfalls sehr persönlich ihre unzerstörbare Liebe zur Stadt und ihre Kritik an deren Zustand und den Machtstrukturen, die in ihr wirken, äußert, die jahrelang geschlossene Nationalbibliothek zu dieser Liste hinzufügen. Das gespaltene Verhältnis zu Belgrad, das zwischen Stolz, Wut, Begeisterung und Frustration oszilliert, teilen im übrigen alle AutorInnen, so unterschiedlich ihre Kritikpunkte auch angesetzt sein mögen. So auch der Literaturkritiker Saša Ćirić, der über die beeindruckende und zum Klischee gewordene Mischung in Belgrad nachdenkt, die sich aus den Zutaten „Balkan, Mitteleuropa und Mittelmeerraum“ zusammensetzt, und diese Elemente der Stadt filmisch und literarisch durchdenkt. Die für (kleinere) Großstädte oft gebrauchte Redewendung, eine Stadt sei eine kleine Weltstadt und eine große Weltstadt, stellt er in Zusammenhang mit der Statistik, dass jedes Jahr „eine Kleinstadt“ nach Belgrad übersiedele: 2010 zogen z.B. offiziell 23.000 Personen nach Belgrad, das ein Magnet nicht zuletzt für das übrige Serbien ist. Für Ćirić ist diese Stadt nun einerseits Heimatort vieler Menschen, die ungern an fremdes Leid erinnert werden, das von der eigenen politischen Elite verschuldet wurde, die Hauptstadt eines Landes, in dem „eine Minderheit jede politische Modernisierung verhindere“, während Tycoons ihre Monopolstellungen auf dem Markt halten, anderseits aber auch eine Stadt, die immer stolz ihre Erinnerung an die „Unterstützer der Freiheit“ bewahrte. So wurde sie für ihn zu einer Stadt, zu der er „keine Alternative findet“. 

Dragan Velikić
Dragan Velikić

Über Armut, Instabilität, Unsicherheit und die daraus resultierende, destruktive Angst schreibt Borka Pavićević, eine Kultfigur des Widerstands in den 1990er Jahren, die 1994 das Zentrum für kulturelle Dekontamination aufbaute und heute noch leitet, aber auch als Avantgarde-Regisseurin und -Dramaturgin die serbische und jugoslawische Kultur- und Theaterszene prägte. Dabei reflektiert sie besonders die Frage der Visa-Bestimmungen oder das Verhältnis Serbiens zur EU. Ihr Text ist resolut und kämpferisch, wie sie selbst. In ihrer Analyse ist zu lesen, dass Parteien, gewollt oder ungewollt, immer demonstrieren, dass jegliche Veränderung (in Serbien) ein Ding der Unmöglichkeit sei, um den Einzelnen zu lehren, nichts zu unternehmen, da alles vergeblich bleibe. Oder, dass die Ausbeutung der Zivilbevölkerung und sämtlicher Ressourcen Bestandteil des politischen Systems seien, welches heute noch stärker von Loyalität und Parteiprinzip geprägt sei, als zu Zeiten der kommunistischen Partei. Dass Belgrad polyvalent sei, sich zwischen Machtzentren hindurchschlängle, und Menschen verschiedener Vorstellungen über Leben, Milieu und Mode Platz gäbe, und dass die Menschen darin, die einen souveränen, kompetenten und kritischen Beitrag zum Verständnis der heutigen Realität leisten, dessen wahre „Ressource“ darstellen. Dass die Jugend, wie Borka Pavićević schreibt, ihre Zukunft nur im  Auswandern sucht, wird dann im Text des jungen Autors Dragan Radovančević eindrucksvoll vorgeführt, v.a. im sehr markanten Schlussteil: „Dragan“, packt hier der Freud des Ich-Erzählers diesen am Ärmel und sagt fest entschlossen: „Ich werde auswandern“, und mildert mit „Eines Tages“ seinen Entschluss sogleich ab, um den Text mit seinem „Aber wie?“ zu Ende gehen zu lassen.

Armut und der Kampf dagegen finden in zwei Texten eine wunderbar parallele Pointe: in der Volksküche, die im Spaziergangstext des engagierten Sozialanthropologen Ivan Čolovićs eingeführt wird, der – weil man ihn für einen Obdachlosen hält – den Hinweis auf sie erhält und anschießend zu erzählen weiß: Menschen, deren Monatseinkommen 80 Euro nicht übersteigt, haben einen Anspruch auf die Leistung dieser öffentlichen Küche, unvorstellbare Zahlen für deutschsprachige LeserInnen – und doch heißt es am Ende des Textes: „Die Zahl dieser Personen ist heute bereits bei Weitem höher als die Anzahl der Mahlzeiten, für die der Staat aufkommen kann.“ Diese Volksküche landet beim Text des Dokumentarfilmers Goran Radovanović im Titel, obschon er selbst als Filmkünstler sie nicht in Anspruch nehmen darf, auch wenn die Bestimmungen auf ihn zutreffen würden, er aber als freiberuflicher Künstler nicht berechtigt ist, dort zu essen. Hier möchte er seinen Dokumentarfilm Die Volksküche – der harte Kern drehen und liefert – den Film wird er aus Wut nicht fertigstellen – ein beeindruckendes essayistisches Porträt der Volksküchenbesucher, das mit der ironischen Lehre endet: „Für einen guten, objektiven Dokumentarfilm braucht man  zu einem starken persönlichen Motiv auch die nötige kühle Distanz.“

Uroš Đjurić führt uns durch seine Erinnerungen an die Filme im noch jugoslawischen Belgrad. Auch in seinem Text begegnet uns die Wut auf eine Stadt, die die wichtigsten Museen für Kunst wegen ewigen Renovierungsarbeiten geschlossen hält, oder seit Jahrzehnten wachsender Armut, Ungleichheit der Bevölkerung und Korruption zum Opfer fällt, und auch hier geben am Ende doch die „Geschichte dieses Orts und wie die Menschen heute ihre Probleme bewältigen“, Anlass zu Stolz und Mut. Der Autor Sreten Ugričić, der bis vor wenigen Wochen noch Direktor der Serbischen Nationalbibliothek war, bevor er im Jänner 2012 nach einer medialen Hetze auf unheilvolle Weise abgesetzt wurde, was bis heute andauernde Polemiken und Debatten nach sich zog, verfasste einen Text, in dem er etwas langatmig aber auch bewusst störrisch und  markant seine „Thesen“ vorträgt. Darin liest er Fragen zur Literatur und Politik Serbiens als europäische Fragen, wobei ihm die Lage Serbiens als philosophische Ausgangsfrage nach der Zukunft Europas dient. Da geplant war, dass der gesamte Band ein Jahr zuvor, nämlich zum Serbienschwerpunkt auf der Leipziger Buchmesse erscheint, ist dies auch ein Kommentar des Autors dazu, der maßgeblich an der Erarbeitung dieses Auftritts beteiligt gewesen war und dessen Buch anlässlich des Schwerpunkts übersetzt wurde, womit ein kritischer Intellektueller, der zehn Jahre lang auch als Direktor der Nationalbibliothek aktiv in der Kulturszene mitmischte, rezipierbar wurde. Auch Dragan Velikić, ein Schriftsteller, der im deutschsprachigen Raum bereits sehr bekannt ist, gibt in seinem Belgradtext, in dem er sein ambivalentes Verhältnis zur Stadt skizziert, einen kurzen, subjektiven Überblick über ein Belgrad, das seit den 90er Jahren politisch enttäuscht, und seine schon damals  und bis heute dennoch existierende authentische  Theater-, Film-, Literatur oder Aktivismusszene. Belgrads Potenzial, so meint Velikić, sei nicht zuletzt, dass es mehrere parallel existierende Städte in sich vereine, was eine echte Großstadt erst ausmache.

Dragana Mladenović
Dragana Mladenović

Eine Stadt ist aber nicht zuletzt auch immer ein Netz von Verkehrslinien. Die Reflexion über die  Belgrader öffentlichen Verkehrsmittel  fand daher logischerweise in vielen der Texten ihren Niederschlag, etwa bei Ćirić, der vom Belgrader Straßennetz schreibt, das in den „Felsen einer überlieferten Architektur gefangen sei, in der unterschiedliche Stile, Größenordnungen und Zweckbestimmungen anarchistisch durcheinandergemischt sind“; so denkt er über den Zusammenhang zwischen urbanem und zivilisatorischem Organismus und dessen durch Verstopfung verursachten Kollaps nach. Auch bei Marija Knežević heißt es, „An Feiertagen ist der Verkehr nicht so hysterisch“, und Lidija Kusovac setzt in einem sehr fein gesponnenen Text den Belgrader Verkehr witzig in Szene: In den schlecht organisierten öffentlichen Verkehrsmitteln denkt sie über die darin erzwungene Nähe nach und muss sich ihr Lesen im Bus hart erkämpfen. Vier Wochen im August – busfahrend – werden in ihrem Text zum Anlass, Lektüren, Menschen, modernste Technik und Belgrad zu vermessen. Bei Dragana Mladenović wird der Verkehr zu einer etwas anderen Metapher: Die übervollen Bussen karren die ArbeiterInnen von den bescheidenen Wohnungen in die noch bescheidener bezahle Arbeit, werden zu Dienern der „serbischen Kapitalismusvariante“. Vier gedichtete Belgradfotos liefert Mladenović außerdem, die in der für die Dichterin typischen Verknappung starke quasi-dokumentarische Bilder eines Belgrader Alltags einfangen, etwa im Gedicht „geschmack“: im oktober / ist belgrad eine dame / die an übergewicht leidet / und spürt // sie platzt gleich / wenn jetzt noch ein auto / eine straßenbahn ein student ein bettler ein gebäude / ein haus eine boutique oder ein streunender / hund / sich in ihren mund verirrt...

Das chaotische, leidenschaftlich geliebte und gehasste Belgrad wird in den Texten zum (Verkehrs-)Knotenpunkt von Erinnerungen und Vorstellungen einer Stadt, die geografisch, wirtschaftlich und kulturell ein ebensolcher ist und nicht zuletzt für viele der AutorInnen auch biografisch zu einem wurde. So geben die versammelten Texte erfolgreich Auskunft über die subjektiv erlebte politische und kulturelle Geschichte der Stadt, blicken auf künstlerische, gedichtete, anthropologische Straßenzüge, nehmen uns mit auf literarische Busfahrten, wehren sich aktivistisch und philosophisch gegen Einbahnen und graben Unterführungen für ihre Standpunkte, bevor sie uns an (Weg-)Kreuzungen zurücklassen. 

 

Rezension von Annemarie Türk (Hg.): Briefe aus Belgrad. Nachrichten aus der weißen Stadt. Wien: Edition Atelier, 2011, Übersetzt von Mascha Dabić, Jelena Dabić und Goran Novaković