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Verbindungen. Zur Anthologie Veza Canetti lebt

von Eva Schörkhuber

 
 „Denn der Mensch schreitet aufrecht, die erhabenen Zeichen der Seele ins Gesicht gebrannt.“
 
– mit diesem Satz werden die Figuren aus Veza Canettis Roman Die gelbe Straße entlassen. Vielleicht gehen sie weiterhin ihrer Wege, setzen jene Wege fort, auf denen wir sie in fünf, entlang der gelben Straße, der Ferdinand Straße im zweiten Wiener Gemeindebezirk, angesiedelten Episoden begleitet haben. Die Straße als Band zwischen den unterschiedlichen Weisen, die das Leben in den 1930er Jahren in der Leopoldstadt, dem zweiten Bezirk, so spielt. Die Straße als Resonanzraum für die verschiedenen Tonfälle, die Unter- und Obertöne, in und mit denen sich diese Lebensweisen artikulieren.
 
„Denken Sie nicht nema veza (das habe damit nichts zu tun).“
 
– mit diesem Satz werden wir aus den einleitenden Texten der Herausgeberinnen in die Anthologie Veza Canetti lebt. Sozialkritische Literatur zeitgenössischer Autorinnen entlassen. Vielleicht gehen wir in den Texten Erfahrungen nach, eigenen, geteilten oder mitgeteilten, setzen und versetzen uns an die Stelle der einen oder anderen Figur, die wir durch die insgesamt achtzehn Prosatexte begleiten, die rund um den Namen Veza Canetti versammelt worden sind. Ein Name als Band zwischen den unterschiedlichen Weisen, sich mit bestehenden Verhältnissen auseinanderzusetzen, diese auseinanderzusetzen, explizit oder poetisch. Ein Name als Resonanzraum für die verschiedenen Tonfälle, die Unter- und Obertöne, in und mit denen sich „sozialkritische“ Schreibweisen artikulieren.
 
Verbindungen
 
Die gelbe Straße ist um 1933 entstanden. Einige der fünf Episoden sind als Erzählungen zwischen 1932 und 1937 in der Arbeiter Zeitung veröffentlich worden. Unter dem Namen Veza Magd. Unter einem der vielen Namen, die sich Venetiana Taubner-Calderon, geboren 1897, zugelegt hat, die sie auf dem Papier, unter ihren Zeilen getragen hat: Veza Magd. Veronika Knecht. Martha Murner. Martina Murner. Marina Murner. Martin Murner. 1990, siebenundzwanzig Jahre nach ihrem Tod, ist Die gelbe Straße erschienen. Veza Canetti zeichnet den Roman. Veza, eine Kurzform des Taufnamens; Veza, der bosnische, kroatische und serbische Ausdruck für Verbindung. Canetti, der Name, der sich durch eine Verbindung ergeben hat; Canetti, der Name eines Schriftstellers, eines Literaturnobelpreisträgers, der Name einer Schriftstellerin, den sie sich erst posthum gemacht hat. Machen hat können. Veza Canetti, der Name einer Verbindung, die festgelegt, die festgestellt hat, den einen als Schriftsteller, als bekannten Hitz- und Querkopf, die andere als Mitarbeiterin, als Unterstützerin, als die im Schatten Stehende. Veza Canetti, der Name einer Verbindung, die löst, die das freie Spiel der Distanzen klingen lässt, die Fluchtlinien bildet –
 
– denen entlang sich 50 Jahre nach ihrem Tod Autor_innen, Theoretiker_innen, bildende und darstellende Künstler_innen schreiben, denken, bewegen und artikulieren. Die von Karin Ballauff, Petra Ganglbauer und Getrude Moser-Wagner herausgegebene Anthologie Veza Canetti lebt. Sozialkritische Literatur zeitgenössischer Autorinnen ist im Zusammenhang mit dem Kunstprojekt VEZALEBT entstanden und versammelt 18 literarische Texte, die von 4 theoretischen und literaturwissenschaftlichen Essays gerahmt und von Bilddokumentationen der im Zuge des Kunstprojekts entstandenen Arbeiten begleitet werden. Eine vielstimmige „Hommage“ soll, den Herausgeberinnen zufolge, dieser Sammelband darstellen, eine „Hommage“, die Veza Canetti in Erinnerung ruft, ohne sie festzuschreiben, festzustellen, sie auf diesen oder jenen Aspekt ihres Lebens, ihres Schreibens festzulegen, eine „Hommage“, die Veza Canetti, diese Verbindung, in Erinnerung ruft, indem sie sich in ihren unterschiedlichen Schreibweisen selbst in ihrer Zeit und ihren Verhältnissen in Erinnerung ruft. „Erinnern ist Arbeit, die nach Spuren verlangt. Sie gebietet es, Spuren zu erzeugen.“ schreibt Elke Krasny in ihrem Essay Veza-Werden. Und in diesem Sinne zeigt sich die Erinnerungsarbeit, die „Hommage“ in diesem Band: Die 18 Prosatexte legen in ihren unterschiedlichen Weisen, in ihren verschiedenen Tonfällen Spuren, denen wir folgen – nicht wie einer Fährte, die uns auf etwas schon vorab Bestimmtes zurückführt, – denen wir vielmehr folgen, um auf unseren Lektürewegen selbst Spuren zu hinterlassen, um zu einem anderen Punkt zu kommen, um einen anderen Ausgang, den Ausgang einer Anderen, zu nehmen.
 

Ausgänge
 
Die beiden ersten rahmenden Essays von Elke Krasny und Susanne Hochreiter erinnern daran, dass die Akte_n des Erinnerns sowohl ihren Gegenstand als auch das Subjekt, das – sich – erinnernd eine Andere erinnert, konstituieren. Elke Krasnys Veza Werden und Susanne Hochreiters Sein und Schreiben umkreisen ihren Gegenstand, einmal von sich hin zur Anderen, zur Person Veza Canettis, zur Verbindung, Veza, ausgehend, einmal von den Fluchtlinien und Auswegen, die Frau-Sein und -Schreiben bilden können. In den Prosatexten folgen wir verschiedenen Akten des Ausgang-Nehmens: Lebensläufe und Momente werden erinnert und in den Möglichkeiten eines, ihres Ausganges befragt.

Shobha C. Hamann lotet in Die sechste Frau die Möglichkeiten ihrer Protagonistinnen aus, Auswege aus unerträglichen Lebenssituationen zu suchen, zu finden. Die „sechste Frau“, Veza Canetti, bildet das Scharnier, die Verbindung, zwischen Gegebenem und Möglichem – und auch so wird es gewesen sein. prezzemola begleitet in Die Konditormeisterin ihre Protagonistin dabei, wie sie, durch den Umzug in eine „kleine Stadt“ und die Eröffnung einer eigenen Konditorei, einen Ausweg findet, beschreitet und auf ihm ihr Leben fortsetzt. Trotz allem. Christina Walker entwirft in Martha oder Mögliche Ursachen ihre Protagonistin, trägt sich mit Martha an zwei voneinander entfernt liegenden Zeitpunkten, zwischen denen sich die „möglichen Ursachen“ des unglücklichen Verlaufes ihres, Marthas Lebens aufspannen. Was Katja zwischen dem 19. März und dem 11.Mai erlebt (Irene Wondratsch), verfolgen wir entlang von kleinen Ereignissen aus dem Leben der Protagonistin. Momentaufnahmen, Auszüge und Ausschnitte, perspektivisch und atmosphärisch ein//gefärbt. Zwei Menschen, die nebeneinander wohnen, deren Leben parallel, ohne Berührungspunkte, verlaufen wäre, hätte es nicht ein Ereignis gegeben, das den einen auf die andere angewiesen, die beiden aufeinander hingewiesen hätte, begegnen wir in Magdalena Diercks Die Puppe zum Besuch beim alten Mann. Die Berührungspunkte, die sich durch Zufall ergeben, die sich scheinbar auch dem Zufall ergeben haben, indem sie die eine – die „Puppe“ – und den anderen – den „alten Mann“ festlegen, erweitern sich gegen Ende der Erzählung zu sehr zarten Banden, denen entlang sich beide Figuren etwas bewegen, von sich ausgehen, aufeinander zu gehen können. Eine zufällige Begegnung ruft auch in Silvia Hlavins Text zwei diametral entgegen gesetzte Lebensläufe in Erinnerung: Kreuzungen, an denen wir erfahren, welchen Ausgang und welchen Verlauf das eine und das andere in Budapest, zu Warschauer-Pakt-Zeiten, geführte Leben nehmen kann. Momente, an und in denen sich eingeschlagene Lebenswege unterscheiden, zeigen sich in dem Auszug aus Gertrud Klemms Roman Herzmilch: Zwei Freundinnen, die sich nach längerer Zeit wieder treffen, sehen ineinander die Möglichkeiten, wie das jeweils eigene Leben auch verlaufen könnte. Eine Begegnung als Resonanzraum für getroffene Entscheidungen und mögliche Versäumnisse. In Ljuba Arnautović' Abermals krähte der Hahn lässt die Protagonistin auch den dritten Hahnenschrei vorübergehen und widersteht der Versuchung, aus der Folterkammer hinaus in den trockenen Verhörraum zu gelangen, um zu gestehen, dass sie weiß... Gehen und Stehen konstituieren in der Welt, den Lebens- und Arbeitsverhältnissen, die in Claudia Bitters Text gezeichnet werden, einen dystopischen Raum: Jegliche Bewegung hat „auf die gleiche Art“ zu passieren, wir folgen dem Übergang vom Menschlichen zum Ameisenhaften. Die Alte vom Berg hat sich aus einer 'schönen neuen Welt' in eine Hütte auf dem Berg zurückgezogen. 'Die Wand', welche die Protagonistin in Elfie Reschs Text von dieser 'schönen neuen Welt' trennt, ist nicht physischer, sondern sozialer und ideologischer Art und ist durchlässig für Begegnungen Gleichgesinnter, für Erinnerungen und Anknüpfungen.
 
Eine andere Art des Aktes, einen Ausgang zu nehmen, zeigt sich in den Texten von Ute Liepold, Brigitte Menne, Sylvia Treudl, Irene Suchy, Dine Petrik, Katja Schröckenstein, Gerda Sengstbratl und Gertrude Maria Grosseger. In ihren Texten gehen wir – auf sehr unterschiedliche Arten und Weisen – Stimmen nach, wir hören zu, wir nehmen auf, wir nehmen wahr und wir vernehmen auch. Die Nachrichten aus dem Hier und Jetzt ereilen uns unvermittelt, wir werden angesprochen und in eine Geschichte hineingezogen, eine Geschichte, wie sie sich (und wir wissen es) hunderte Male abspielt, aber dieses Mal ist es die Stimme der Enttäuschten, der Verprügelten und Geflüchteten, die wir wahrnehmen. Dorothea mit dem Hammer vernehmen wir hingegen lediglich mittels der Protokolle, die rund um den Fall „Dorothea Barth“ angefertigt worden sind. Die Stimme der Protagonistin kommt nicht zum Tragen, verschüttet ist sie von den Aktenbergen, die zusammen getragen worden sind, um sie, die Frau, die ihrem Mann mit einem Hammer einen Schlag versetzt hat, zum Gegenstand juristischer und psychiatrischer Verfahren zu machen. Valerie & Valerie singen im Duett das Lied von einer Schriftstellerin, Valerie Lorenz-Szabo, die immer nur als Dichter-Gattin wahrgenommen worden ist. In der Litanei gottloser Gebete werden die Stimmen von Mutter und Tochter verschränkt: Eine Tochter eignet sich die ihr immer wieder verordneten, ihr aufs Auge gedrückten, an den Kopf geworfenen Sätze noch einmal an, um schließlich mit eigener Stimme ihre Mutter zu erinnern. Ein Notenstück ist die Partitur einer Erinnerung, die sich von einer Ich-Erzählerin zu einem Du über eine Zeit- und Generationsschwelle hinweg spannt. Die Fahrigen Zeichen im Nirgendwo werden von Vielen an vielen verschiedenen Grenzen abgegeben, gesetzt; „fahrige Zeichen“, flüchtige Spuren, denen wir in Katja Schröckensteins Text folgen, um ihnen entlang unserer (Staats)Zugehörigkeiten zu befragen. „Ich“ durchlöchert von anderen Stimmen rettet sich mit eigenen Ansprüchen nicht nur vor Einmal Auslöschen. Verlautet knüpft Sprachteppiche, klopft Worte und Phrasen ab – auf ihre Brüchigkeit, auf ihre Anknüpfungspunkte hin; rhythmische Sprachreigen, unlautere Wortgeläut'.
 
Die Stimmen einiger Figuren Veza Canettis finden ihrerseits noch einmal Eingang in Klaus Neundlingers Reisenotiz, dem letzten der beiden abschließenden Essays. Sowohl in diesem als auch in dem ihm vorangestellten Essay »nach zwanzig Jahren Dienst an Canetti…« von Klaus Zeyringer werden jene Rahmenbedingungen nachgezeichnet, unter denen Frauen geschrieben, veröffentlicht haben in bestehenden, patriarchal und kapitalistisch dominierten Verhältnissen. In diesem Sinne unverhältnismäßig und „sozialkritisch“ sind die Arten und Weisen, in denen die Akte_n, einen anderen Ausgang, den Ausgang einer anderen zu nehmen, wahrgenommen und verwahrt werden. Der geschärfte Möglichkeitssinn, dem wir in einigen der versammelten Texte begegnet sind, zielt nicht darauf ab, ein Ereignis als bestimmendes, als einzig tonangebendes festzuschreiben – er lotet vielmehr die Ober- und Untertöne aus, denen entlang sich Verbindungen knüpfen und nicht so mir nichts dir nicht herstellen lassen. Die Stimmen, die geschrieben werden, werden nicht der einen oder anderen Person, der einen oder anderen Figur gegeben: Auch die Stimm-Bänder knüpfen sich schreiben, lesend, ihnen entlang folgen wir, folgen wir den Verbindungen, die auftauchen, die uns sagen lassen –
 
"Doch, das hat auch etwas damit, das hat etwas mit mir zu tun" –
 
„Denn der Mensch schreitet aufrecht, die erhabenen Zeichen der Seele ins Gesicht gebrannt.“
 
– mit diesem Satz werden die Figuren aus Veza Canettis Die gelbe Straße entlassen. Vielleicht gehen sie weiterhin ihrer Wege, setzen jene Wege fort, auf denen wir sie in fünf, entlang der gelben Straße begleitet haben. Vielleicht aber … vielleicht stürzen die altbekannten, die gewohnten Wege mit diesem letzten Satz zusammen und die aus dem Kaleidoskop der Stimmen und Gesichter, der Lebensarten und Lebensweisen entlassenen Figuren finden neue Wege, neue Weisen für sich, für andere.
 

 

Veza Canetti: Die gelbe Straße. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2011.
 
Karin Ballauff, Petra Ganglbauer, Gertrude Moser-Wagner (Hg.): Veza Canetti lebt. Sozialkritische Literatur zeitgenössischer Autorinnen. Wien: Promedia 2013.

 

Mit literarischen Textbeiträgen von: 
Ljuba Arnautović, Claudia Sykora-Bitter, Magdalena Diercks, Gertrude Maria Grossegger, Shobha C. Hamann, Silvia Hlavin, Gertraud Klemm, Ute Liepold, Brigitte Menne, Dine Petrik, Gabriele C. Pfeiffer, Elfie Resch, Katja Schröckenstein, Gerda Sengstbratl, Irene Suchy, Sylvia Treudl, Christina Walker, Irene Wondratsch.
Künstlerische Arbeiten von: 
Zsuzsanna Balla, Bernd Bogensberger, Li Cunqing, Natalie Deewan, Peter Klammer, Monika Lederbauer, Johanna Lettmayer, Gertrude Moser-Wagner, Tamara Ofner, SikoART, Anna-Lisa Schöffel, Lukas Schöffel, Sandra Tockner, Eva Wassertheurer.
Wissenschaftliche Beiträge von: 
Klaus Neundlinger, Elke Krasny, Klaus Zeyringer, Susanne Hochreiter.