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Literatur im Kontext von Migration

Elena Messner führte ein Gespräch mit der Komparatistin Sandra Vlasta anlässlich des Erscheinens ihrer Studie "Contemporary Migration Literature in German and English: A Comparative Study", in der das Thema der deutsch- und englischsprachigen Literatur im Kontext von Migration behandelt wird. Bei der Publikation handelt es sich um die überarbeitete und ins Englische übersetzte Dissertation der Literaturwissenschaftlerin.

Contemporary Migration Literature in German and English: A Comparative Study (Reihe: Internationale Forschungen zur Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft, IFAVL). Leiden: Brill/Rodopi, 2016
Contemporary Migration Literature in German and English: A Comparative Study (Reihe: Internationale Forschungen zur Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft, IFAVL). Leiden: Brill/Rodopi, 2016

Das kürzlich auf Englisch erschienene Buch stellt die Fragen nach dem Zusammenhang von Migration und Literatur. Worin liegt zum einen die literaturwissenschaftliche und zum anderen auch die darüber hinausgehende, gesellschaftliche Bedeutung dieses komplexen Themas?

 

Die gesellschaftliche Bedeutung des Themas Migration ist in den letzten Wochen und Monaten einmal mehr verdeutlicht worden – durch die zahlreichen Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Leid unglaubliche Mühen und Gefahren auf sich nehmen, um ein grundlegendes Bedürfnis und Menschenrecht einzulösen: ein ruhiges und sicheres Leben zu führen. Dabei sind Flucht und die Bitte um Asyl natürlich nicht gleichzusetzen mit Migrationsbewegungen, die auch ganz andere, nicht nur negative Motive haben können, wie Ausbildung, die Suche nach Arbeit oder die Familienzusammenführung.

Migration kennzeichnet alle Kulturen und Gesellschaften, sie ist eine historische wie aktuelle Erscheinung und von daher ein Thema, das auch in der Literatur seit jeher behandelt wird. Die Literaturwissenschaft hat sich in der Beschäftigung mit Literatur und Migration in den letzten Jahrzehnten allerdings vor allem auf Autorinnen und Autoren 'mit Migrationshintergrund' konzentriert, um diese umstrittene Formulierung zu verwenden. Folglich wurden und werden unter dem Begriff Migrationsliteratur vor allem Texte solcher SchriftstellerInnen subsumiert, die entweder selbst zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens eine Migrationserfahrung gemacht haben oder die Nachkommen solcher Einwanderer sind. Diese Forschung hat ohne Frage sehr viel geleistet. Allerdings wurde sie auch immer kritisiert für ihren biographischen Zugang, nicht zuletzt von den AutorInnen, die sich zum Teil sehr vehement und aus verschiedenen Gründen gegen das Label Migrationsliteratur wehren.

Mich hat im Gegensatz dazu das Thema der Migration interessiert. Wie wird Migration literarisch dargestellt? Welche Motive werden in diesem Kontext behandelt und gibt es gewisse Strukturen, die themenabhängig sind und sich unabhängig vom sprachlichen und kulturellen Umfeld wiederholen? Welche individuellen ästhetischen Umsetzungen des Themas Migration sind festzustellen? Meine These ist, dass Migrationsliteratur – als Literatur über Migration – ein eigenes Genre darstellt. Grundlage dafür sind die Vielzahl der Texte zum Thema sowie die ähnlichen Motive, die sich in ihnen finden. Das versuche ich in meiner Arbeit im Detail darzustellen.

Wenn wir Literatur nicht zuletzt als Möglichkeit verstehen, die Welt besser zu verstehen, mit Umberto Eco als Möglichkeit, dem Wust der Erfahrung eine Form zu geben, denke ich, dass uns Migrationsliteratur helfen kann, mehr über Migration zu erfahren. Diese Literatur erzählt unter anderem davon, wie MigrantInnen Migration erleben, auch in der zweiten oder dritten Generation. Sie beleuchtet, welche Auswirkungen soziale, mediale und politische Reaktionen auf die Betroffenen haben und sensibilisiert für die Probleme, Schwierigkeiten und Gefühle von MigrantInnen. Nicht zuletzt zeigen uns Geschichten von Migrationen aber vor allem, dass diese Prozesse trotz einiger Ähnlichkeiten sehr individuell sind. Ich erachte es deshalb als sehr wichtig, die Reflexion über Migrationsliteratur in die gesellschaftlichen Debatten zum Thema miteinzubeziehen. Vor allem psychische Prozesse werden in den literarischen Texten sehr genau erfasst. Daneben interessiert mich als Literaturwissenschaftlerin natürlich der ästhetische Aspekt der Texte, die Literarisierung von Migration.

 

Hat sich über die Jahre hinweg die literaturwissenschaftliche Perspektive auf die Frage nach einer sog. Migrationsliteratur verändert? Wie entwickelt sich der Forschungszweig zu diesem Thema  in Österreich und in Deutschland?

 

Wie gesagt liegt der Schwerpunkt der Forschung immer noch auf der Literatur von MigrantInnen. Einige dieser Texte behandeln das Thema der Migration, aber längst nicht alle. – Das ist auch die Kritik an diesem biographischen Zugang. Die AutorInnen wollen nicht auf das Thema der Migration festgenagelt werden, ihre Werke sollen nicht stets vor dem Hintergrund ihrer biographischen Erfahrung gelesen werden, sondern für sich stehen. Gleichzeitig ist es mit diesem Zugang schwierig, Texte von AutorInnen 'ohne Migrationshintergrund', die sich mit Migration auseinandersetzen, in das Korpus miteinzubeziehen.

Die Veränderungen der literaturwissenschaftlichen Perspektive haben sich im deutschsprachigen Raum auf Diskussionen zur Begrifflichkeit sowie unterschiedliche theoretische Zugänge konzentriert. Man hat Texte der Migrationsliteratur als soziologische Dokumente gelesen, die z.B. Auskunft über das Leben der Gastarbeiter geben, man hat ihr zwischen den Kulturen vermittelndes Potenzial betont oder sie als prädestiniert für postkoloniale Analysen gesehen. Damit hat die Erforschung der Migrationsliteratur sehr viel Neues und Wichtiges in die Germanistik gebracht. Das Naheverhältnis zwischen Migrationsliteratur und neuen theoretischen Zugängen ist auch in anderen Sprach- und Kulturräumen gegeben. So wurden neue Konzepte von Kultur und Identität nicht zuletzt anhand von Literatur der Black British dargestellt, oder mit Texten von Chicanos/-as, also mexikanischer Schreibender in den U.S.A. Auch eine Literatur der Beur, der Nachkommen von Einwanderern aus den Maghreb-Staaten in Frankreich oder eine italienisch-kanadischer Literatur wurden so gelesen.

 

Die Literaturwissenschaftlerin Sandra Vlasta forscht zu Literatur und Migration.
Die Literaturwissenschaftlerin Sandra Vlasta forscht zu Literatur und Migration.

In der Studie geht es neben einer generellen Bestandsaufnahme und der grundsätzlichen Verortung von Migrationsliteratur im heutigen globalen literarischen Feld auch um einzelne Detailanalysen. Wie ist die Auswahl begründet?

 

Für meine konkreten Textanalysen habe ich mich auf den deutsch- und englischsprachigen Raum konzentriert, genauer auf Werke, die im österreichischen bzw. britischen Raum entstanden sind und sich zum Großteil auch inhaltlich auf diese Kontexte beziehen. Um meine These einer über verschiedene Sprachen hinweg existierenden Gattung "Migrationsliteratur" zu belegen, habe ich mich für einen komparatistischen Zugang entschieden und diesen aus arbeitstechnischen Gründen auf zwei Kontexte eingegrenzt. Allerdings mache ich zur Illustration meines Arguments auch immer wieder Abstecher in andere Sprachen und Räume. Das Spannende daran ist, dass Einwanderung in Großbritannien und Österreich eine sehr unterschiedliche Geschichte hat, wie ich auch in einem kleinen Exkurs darstelle, genauso wie der gesellschaftliche und politische Umgang mit MigrantInnen. Und doch weisen die Texte erstaunliche Ähnlichkeiten auf: So wird die zweite Generation häufig als Übersetzer dargestellt, z.B. in Anna Kims Roman Die Bilderspur (2004) über asiatische Einwanderer in einem deutschsprachigen Land oder auch in Monica Alis Brick Lane (2003), einem Roman über eine Familie aus Bangladesch in London, in Timothy Mos Sour Sweet (1982) über chinesische MigrantInnen in derselben Stadt und in Vladimir Vertlibs Abschiebung (1995) über eine russisch-jüdische Familie, die auf der Suche nach einer neuen Heimat zahlreiche Länder durchreist.

 

Worin liegen die Gemeinsamkeiten, und worin die Unterschiede zwischen den englisch- und deutschsprachigen Texten, die in der Studie präsentiert werden? Gibt es Motive, Themen oder Stilmittel, die besonders präsent sind?

 

In vielen der Werke sind das Kochen und Essen sowie generell Nahrungsmittel ein zentrales Thema. Dies dient oft dazu, Identität bzw. die Suche nach Identität in der neuen Heimat auszudrücken. Das kann stärker hervorgehoben sein, wie z.B. in Preethi Nairs One Hundred Shades of White (2003), wo das Kochen und Kreieren von Chutneys zentraler Bestandteil der Handlung ist, oder im bereits genannten Roman Sour Sweet, wo die Familie Chen eine eigene Imbissstube aufmacht. Oder das Motiv wird zu einem subtileren Element, das Aussagen und Handlungen der Beteiligten unterstreicht oder abschwächt, wie ich in meiner Analyse von Vladimir Vertlibs Letzter Wunsch (2003) zeige. Essen und Kochen in der Migration fordert jedenfalls stets Kreativität und Improvisationskunst der ProtagonistInnen, und es ist ein Feld, in dem experimentiert wird.

Die Darstellung der neuen Heimat ist ein Motiv, das ebenfalls häufig auftaucht. Hier konnte ich allerdings Unterschiede in den englisch- und deutschsprachigen Werken feststellen: Während in englischsprachigen Werken wie in Caryl Phillips The Final Passage (1985) oder Monica Alis Brick Lane der Blick auf die Gegenwart vorherrscht, werden MigrantInnen in den deutschsprachigen Texten, z.B. in Hamid Sadrs Der Gedächtnissekretär (2005), mit der Vergangenheit ihrer neuen Heimat konfrontiert, konkret mit der Zeit des Nationalsozialismus.

Schließlich lässt sich beobachten, dass in den Werken ein globales Netzwerk gesponnen wird, das nicht zuletzt durch die Migration bestimmt ist. Ich bezeichne dieses Netz in Anlehnung an Arjun Appadurai als 'global ethnoscape' und zeige, dass es in den Texten durch Orte, Protagonisten, das Verschieben von Peripherie und Zentrum sowie den Topos der Grenze dargestellt bzw. sichtbar wird. Ich zeige dies anhand der bereits genannten Texte sowie Emecheta Buchis Second-Class Citizen (1974), Dimitré Dinevs Engelszungen (2003), Catalin Dorian Florescus Wunderzeit (2001) und Der kurze Weg nach Hause (2002), Yadé Karas Selam Berlin (2003), Sam Selvons Lonely Londoners (1956), Ilija Trojanows Die Welt ist groß und Rettung lauert überall (1996), Vladimir Vertlibs Zwischenstationen (1999) und Feridun Zaimoglus Liebesmale, scharlachrot (2000).

 

In welche Richtung geht die derzeitige Forschung zum Themenkomplex Migration und Literatur? Gib es neue Tendenzen, Projekte, Institutionen oder Debatten?

 

Mir scheint, dass es mehrere Richtungen gibt. Einerseits wird im deutschsprachigen Raum die Erforschung der literarischen Mehrsprachigkeit nicht zuletzt in Bezug auf Migrationsliteratur forciert, wobei hier vor allem wiederum eingewanderte AutorInnen bzw. mehrsprachige AutorInnen im Fokus der Forschung stehen.

Dann wendet man sich vermehrt auch der Vergangenheit zu. Migration wird ja oft als sehr gegenwärtiges Thema empfunden, aber, wie schon gesagt, es begleitet die Menschheit seit jeher. Das gilt für das literarische Thema Migration genauso wie für AutorInnen, die migriert sind, und das nicht nur in der Form des Exils, das ja relativ gut erforscht ist. Hier hat man im österreichischen Kontext nun begonnen, auch AutorInnen wie Alja Rachmanowa oder Györgyi Sebestyen vor dem Hintergrund ihrer Migrationserfahrung zu untersuchen.

Außerdem gibt es international in den letzten Jahren vermehrt komparatistische Projekte, die es ermöglichen, den Komplex Literatur und Migration über sprachliche Grenzen tatsächlich als solchen zu erfassen. Dazu arbeiten wir zum Beispiel mit meiner Kollegin Wiebke Sievers gerade an einem Band, der einen Überblick geben wird über den Stand der Forschung zu Literatur und Migration in diversen nationalen Kontexten.

 

Eine lokal interessierte Frage: Wie sieht es in Österreich mit der Produktion und Rezeption dieser Literaturen aus?

 

Also, wenn es um den konventionellen Begriff der Migrationsliteratur geht, also um eingewanderte AutorInnen, dann kann man sagen, dass sich seit Ende der 1990er Jahre sehr viel getan hat. Mit der Etablierung des Wettbewerbs schreiben zwischen den kulturen der edition exil 1997 wurde eine Plattform für immigrierte SchriftstellerInnen und ihre Texte geschaffen. Spätestens mit dem großen Erfolg von Dimitré Dinevs umfangreichen Roman Engelszungen (2003) wurde die breite Öffentlichkeit darauf aufmerksam, dass sich Einwanderung auch in Österreich in der Literatur bemerkbar macht. – Bis dahin hatte auch die heimische Germanistik in Bezug auf dieses Thema immer nach Deutschland geblickt. Das hat sich dann schlagartig geändert und mittlerweile werden Texte von AutorInnen wie Vladimir Vertlib, Anna Kim oder Julya Rabinowich nicht nur literaturwissenschaftlich analysiert, sondern haben auch in der Lehre ihren Platz. Heimische AutorInnen haben zudem nationale wie internationale Preise erhalten und sind heute wichtige Stimmen in der Öffentlichkeit – man denke nur an Julya Rabinowichs Kolumnen im Standard.

Wenn ich nun von meiner Definition von Migrationsliteratur ausgehe, also von Texte, die sich inhaltlich mit Migration auseinandersetzen, so ist in den letzten Jahren ebenfalls eine Zunahme in der Produktion festzustellen.

 

Dürfen wir zum Schluss noch um Buchempfehlungen zu Texten bitten, die nicht in der Studie besprochen wurden?

 

Neben den in meinem Buch besprochenen Titeln kann ich auf folgende verweisen, die ich den LeserInnen auch ans Herz lege: Julya Rabinowichs Romane Spaltkopf (2008) sowie Die Erdfresserin (2012), Susanne Scholls Emma schweigt (2014) oder Semier Insayifs Faruq (2009).

 

 

Das Gespräch wurde im Dezember 2015 von Elena Messner geführt. Redaktion: Elisabeth Blasch.

 

Link zum Verlag: http://www.brill.com/products/book/contemporary-migration-literature-german-and-english

 

Sandra Vlasta ist Literaturwissenschaftlerin und unterrichtet derzeit als Lehrbeauftragte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Literatur und Migration, literarische Mehrsprachigkeit, interkulturelle Literaturwissenschaft, Reiseberichte und Reiseliteratur sowie kultureller Transfer.

Zuletzt erschienen:

 

  • Wien – alternativ? Literarische Stadtdarstellung im Kontext von Migration: Barbara Frischmuths Die Schrift des Freundes, Doron Rabinovicis Ohnehin und Vladimir Vertlibs Zwischenstationen“, in: Norbert Bachleitner und Christine Ivanovic (Hg.): Nach Wien! Sehnsucht, Distanzierung, Suche. Literarische Darstellungen Wiens aus komparatistischer Perspektive. Frankfurt: Peter Lang, 2015. 237-251.

  • Islands to get away from: Postcolonial islands and emancipation in novels by Monica Ali, Andrea Levy, and Caryl Phillips“, in: Brigitte Lejeuz and Olga Springer (Hg.): Shipwreck and Island Motifs in Literature and the Arts. Leiden: Brill/Rodopi, 2015, 233-246.

  • Aussiger Beiträge 8/2014 Begegnungen und Bewegungen: österreichische Literaturen (Hg. gemeinsam mit Anna Babka, Renata Cornejo).

  • Die Lücke im Sinn. Vergleichende Studien zu Yoko Tawada (Hg. gemeinsam mit Barbara Agnese, Christine Ivanovic), Tübingen: Stauffenburg Verlag, 2014.