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Das Lazarus Projekt: Aleksandar Hemons Beitrag zur Förderung amerikanischer Reiselust in den (Süd-)Osten Europas

Rezension von Elena Messner

Du denkst die diese Storys doch aus, sagte ich.
Wenn´s nur so wäre, sagte er.
Du solltest das alles aufschreiben.
Ich hab Fotos gemacht.
Du musst es aufschreiben.
Dafür hab ich doch dich. Dafür hab ich dich mitgenommen. (S. 107)


Aufzuschreiben gilt es das „Projekt Lazarus“, so der amerikanische Titel des Romans von Aleksandar Hemon. Und dieses Projekt hat einiges an Stoff zu bieten, so wie der Roman Hemons überhaupt mit einer Überfülle an Stoff zurechtzukommen hat. Das Wiedersehen des aus Bosnien stammenden und nun in Amerika lebenden Schriftstellers Vladimir Brik mit  einem Freund Rora aus Sarajevo bedeutet nicht nur den Beginn einer seltsamen Männerfreundschaft sondern ist auch Mitauslöser für eine gemeinsame Reise in den Osten und Südosten Europas.


Für den Schriftsteller Brik bedeutet diese Reise eine Forschungsreise an den Herkunftsort der historischen Figur Lazarus Averbuch, über dessen gescheiterte Immigration nach Amerika zu Beginn des 20. Jahrhunderts er schreiben will. Diese Geschichte sich entspinnt rund um den ungelösten historischen Mordfall im Jahre 1908: Lazarus, jüdischer und osteuropäischer Einwanderer, den Pogromen in seiner Heimat entkommen, wird bei seinem Besuch beim Polizeipräsidenten von zahlreichen Kugeln durchsiebt und so ein erstes Opfer der „Anarchistenunruhen“ im Amerika jener Zeit. Die Reise in die Heimat des tragischen Helden seines Schreibprojekts wird für den Schriftsteller Brik aber auch die Suche nach den eigenen Wurzeln in jenem fernen Südosteuropa, das er (wie der Autor selbst) 1992 kurz vor Ausbruch des Bosnienkrieges verließ. Damit sind die Elemente eines fast schon klassisch anmutenden plots benannt, der sich in den literarischen Trend der Osteuropa-Wurzelsuche amerikanischer Einwanderer einreiht, wie sie etwa sehr erfolgreich Jonathan Safran Foer publizierte. Der Roman weist die beiden wesentlichen in aufeinander folgenden Kapiteln immer gegengeschalteten Stränge auf, aber innerhalb dieser wird zusätzlich zwischen anderen Zeit- und Handlungsebenen gewechselt. Was all diese Ebenen zusammenhält sind Erzählungen von Krieg und Gewalt (Pogrome in Osteuropa am Anfang des 20. Jahrhunderts, der Zweite Weltkrieg, der Bosnienkrieg der 90er), Verfolgung (politische Hysterie und  Misstrauen gegenüber vermeintlichen ausländischen Anarchisten im Amerika der Jahre  1908 und gegenüber muslimischer Bevölkerung nach dem 11. September 2001) und damit verbunden der Unmöglichkeit gelungener Integration verschiedener Kulturen, die ständig gefühlte Heimatlosigkeit.

 

Die zentralen Figuren beider Stränge sind historisch (Lazarus und Olga Averbuch) sowie autobiographisch (Vladimir Brik) grundiert. Diese dokumentarische Methode wird noch untermalt durch die jedem Kapitel vorangestellten historischen (etwa von Olga und Lazarus Averbuch) oder aktuelleren Schwarzweißphotografien, die, wie der Verlag uns wissen lässt, Velibor Božović zu verdanken sind (Infos zum Fotografen: www.veliborbozovic.com). In einem vom Knaus-Verlag an Rezensenten verschickten englischsprachigen Interview (nextbook.org) erzählt der Autor Hemon, dass er mit seinem Freund und Fotografen Božović eine reale Reise in den europäischen (Süd-)Osten unternahm, allerdings nachdem er das Konzept für seinen Roman ausgearbeitet hatte, um dieses Konzept in der Reise auf seine Tauglichkeit zu überprüfen.

 

Im gleichen Interview erzählt Hemon auch davon, wie viel „künstlerische Freiheit“ er sich bei der Beschreibung der Erschießungsszene des historischen Lazarus erlaubt hätte: nicht zuletzt damit ist wohl klar, dass der Roman trotz nüchtern-dokumentarischer Erzählweise keineswegs als Biographie des jüdischosteuropäischen Einwanderers verstanden werden will, sondern vielmehr eine historische Situation aufgreift, um sie an anderen historischen und zeitgenössischen Situationen zu vermessen und aus der Schnittmenge ein „Mehr“ an Bedeutung zu kreieren: dieses „Mehr“ ist unschwer als eine Geschichte der Kontinuität von Gewalt, Machterhalt und Krieg, nicht nur im letzten Jahrhundert auszumachen. Auch die Religionsthematik bzw. die sozialen und politischen Kontexte für Individuen, die aus ihrer religiösen Zugehörigkeit resultieren, werden wiederholt an Figuren geknüpft durchexerziert: Lazarus wird als osteuropäischer Jude verfolgt, Rora kämpfte als Muslim im belagerten Sarajevo, Brik´s Identität wird ständig auf seine Religionszugehörigkeit hin überprüft, die US-amerikanische Vorbildfrau entstammt einer erzkatholischen Familie, die Paranoia im Zusammenhang mit dem Kampf gegen den (islamischen) Terror, ist es, die zu ersten  Spannungen in der Ehe Briks führt.

 

Was ein höchst pessimistisches Portrait der Abgründe des letzen Jahrhunderts, seiner kleinen und großen Katastrophen sein könnte, wird im Roman von schwarzem Humor, getragen vom Zynismus der Figuren durchzogen. Leider verfallen die Geschichtenerzähler des Romans allzu gerne dem Wiederkäuen von Witzen und guten stories, deren Pointen zu wünschen übrig lassen und sich oft in Banalitäten verlieren. So mimt etwa die Figur Rora den knallharten Rowdy, erzählt langatmige Witze, nicht immer von der lustigen Sorte. Gleichzeitig erzählt er aber auch gerne Geschichten aus dem belagerten Sarajevo: seine Erinnerungen an die Zeit bilden einen eigenen Strang, der knallharte „Kriegsaction“ umfasst: Gewalt, Korruption, willkürliches Morden, Wettläufe im belgaerten Sarajevo unter Beschuss,  Gangstergeschichten.


Die Verknüpfung der beiden Handlungsstränge wirkt an zu vielen Stellen bemüht und überkonstruiert. Das Zusammendenken von politischer, sozialer und kriegerischer Gewalt, die das 20. Jahrhundert durchzog, wirkt nicht richtig zusammen und verliert durch die formal unaufregende Erzählung sein aufwühlendes Potenzial. Die Verschränkung der Gewalterzählungen (die recherchierte Lazarushandlung, die unternommene Osteuropaodyssee, der erinnerte Bosnienkrieg, die erlebten Auswirkungen des 11. September), werden nicht ausreichend zusammengeführt. Zu diesen Gewalterzählungen gesellt sich auch noch jene einer komplizierten interkulturellen Ehe, an deren Scheitern entlang die zentrale Migrationserzählung erzählt wird. Auch diese (Anti-)Integrationserzählung rund um die Figur des Schriftstellers Brik bleibt in allerlei aufgeworfenem politisch wie erzählerisch herausfordenden Themen stecken: die Reflexion des teilweise scheinheiligen Wertesystems in seiner neuen Heimat, das auf einem materialistischen Boden gründet, wird dem mythisch aufgeladenen Osten Europas antithetisch gegenüber gestellt – dieser europäische (Süd-)Osten bedeutet Erinnerung, Geheimnis, Geist, Verwurzelung, auch wenn die Region als eine in Transformationsprozessen feststeckende und nicht gerade  einladende erfasst wird: die unabhängige Ukraine ist nach ihrer Loslösung von der Sowjetunion verarmt und wird von Korruption regiert, das unabhängige Bosnien ist nach wie vor ein zerrissenes, kriegszerstörtes Land.


Dennoch bildet nach einigen actionreichen Geschehnissen, die nicht verraten werden sollen, Briks Entscheidung, in Bosnien zu bleiben, den Schluss und bedeutet eine Präferierung des Landes vor einem Amerika, das ihn, trotz (oder gerade wegen?) „interkultureller“ Ehe mit einer US-Amerikanerin (Mary) nie aufzunehmen, nie richtig zu integrieren bereit war. So ist das „Lazarus Projekt“ auch die Geschichte einer Rückkehr, so unwahrscheinlich diese auch im Gesamtzusammenhang der im Roman erzählten Geschichten anmuten mag.

 

Rezension von: Aleksandar Hemon: Lazarus. München: Albrecht Knaus Verlag 2008. Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein.

 

Elena Messner, Wien 2010