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Von perfekten Grenzen und amorphen nationalen Kollektiven

Rezension von Elena Messner

Schöffling brachte 2010 mit Freelander das Buch eines „kroatisch-bosnisch-jugoslawischen“ Autors in einer weiteren großartigen Übersetzung von Brigitte Döbert auf den Markt, der nach seinem Kurzgeschichtenband Sarajevo Marlboro oder den Romanen Buick rivera und Das Walnusshaus definitiv auch im deutschsprachigen Raum nicht mehr nur in Insiderkreisen bekannt ist, und dessen kürzlich erschienener Roman Wolga, Wolga für viele Leser ein weitere Entdeckung bedeuten wird. Freelander  nimmt erneut typische Jergović-Themen auf, die zusammengelesen salopp als die Vermessung Jugoslawiens und seines gewaltvollen 20. Jahrhunderts bezeichnet werden könnten: die traumatische Vergangenheit Kroatiens als faschistisches Regime, sozialistische Lebenswelten nach dem Zweiten Weltkrieg, der Krieg in den 90er Jahren und der „Zerfall“ der sozialistischen Föderation, der scheinbar unausrottbare Rassismus und Nationalismus in der Region und eine Nachkriegsgesellschaft, die unzufriedenstellender nicht organisiert sein könnte. Vor dem Hintergrund dieser historischen Fassaden gestaltet Jergović aber v.a. erneut sein Projekt der Auslotung kollektiver und individueller Identitäten, oder genauer, der Dekonstruktion religiös-nationaler Identitätsbildung. Und nicht zuletzt kehrt er mit dem Roman auch zu einem wiederkehrenden Motiv seines Schreibens zurück: dem nahezu intimen Verhältnis eines Mannes zu seinem Auto, diesmal einem Volvo, dem Freelander, der – ähnlich wie das im Straßengraben endende benzinfressende Luxusgefährt Buick Riviera im Roman Buick rivera (ohne i, da der Autor die Meeres-Assoziation vermeiden wollte) – am Ende des Romans ausrangiert vor einem heruntergewirtschafteten Sarajevoer Hotel, parallel zu seinem greiser Besitzer in einem Zimmer ebendieses Hotels, seinen Tod finden wird. Mit dem neuesten auf Deutsch vorliegenden Roman, Wolga, Wolga hat es nach dem Buick und dem Volvo dann ein weiteres Automobil auf die Titelseite eines Romans des Autors geschafft.


Der Plot von Freelander ist verhältnismäßig konventionell. Das Buch nimmt, so der Klappentext, den Leser „mit auf eine rasante Fahrt“: Der pensionierte Geschichtslehrer Karlo Adum erhält in Zagreb ein Telegramm, das ihn zu einer Testamentseröffnung in seine Geburtsstadt Sarajevo zitiert, die er noch als Kind verließ und schlichtweg hasst. Widerwillig und eigens mit einer Pistole bewaffnet, die er sich von seinem serbischen Postboten (die meisten Figuren bei Jergović bekommen nationale Etiketten verpasst und werden damit gewissermaßen zu modellhaften Schachfiguren in dem Spiel der Identitäten) und seinem letztem übriggebliebenen Freund besorgt,  verlässt er Zagreb und begibt sich auf eine Reise durch Bosnien und zurück in seine Kindheit, dabei seine Biografie fragmentarisch und unchronolgisch reflektierend. Erzählt wirdin Rückblenden von der opportunistischen, attraktiven „Mama Cica“, die gern mit deutschen und italienischen Offizieren flirtete, später den Kommunismus begeistert begrüßte, um zuletzt dem Klerikalismus und kroatischen Nationalismus (wieder) zu frönen; erzählt wird auch vom verrückt gewordenen, systematisch und systemkonform durch die Mutter betrogenen Vater, dessen Bruder ihm den Finger abgehackt hatte, was ein lebenslanges Zerwürfnis zur Folge hatte; erzählt werden Erinnerungen Adums an von den Ustascha erhängte Kommunisten im Zweiten Weltkrieg, an den eigenen Opportunismus und versteckten Nationalismus bzw. Rassismus, und - erst gegen Ende des Romans - von der Tötung eines Mitschülers, den Adum als Kind schubste und der so unglücklich fiel, dass er an den Folgen des Sturzes verstarb. Dieser Unfall mit tödlichem Ausgang ist dann, wie man zuletzt erfährt, der Grund, weshalb die Mutter ddamals en Sohn packte und aus Sarajevo nach Zagreb flüchtete.


Die Erinnerungen werden mit (Alb-)Träumen des Protagonisten parallelgeschaltet und auch in grotesken Ereignissen während der Fahrt durch Bosnien gespiegelt, der nahende Tod bzw. Adums Todessehnsucht wie auch seine Todesängste werden verbunden mit einer Landschaft, die ebenfalls von Tod geprägt ist: Friedhöfe, einsame Landstraße samt Verkehrsunfall voll Blut und Tierleichen, Schrotthaufen, leere Restaurants und deren ebenso ausgestorbene Parkplätze, unbewohnte Ruinenstädte...


Im Vordergrund dieser entworfenen kriegsversehrten Antiidylle stehen aber pointiert und meist satirisch gestaltete Menschenportraits, die düsterer und negativer kaum sein könnten und v.a. die Kroaten bzw. kroatischen Bosnier provokant als primitive, nationalistische, misstrauische, gewaltbereite Truppe karikieren, ohne dass auftretende serbische-bosnische Protagonisten nicht als ebenso unsympathische Figuren gezeichnet würden. Man möchte sogleich hinzufügen, das Jergović sich z.B. im Vorgängerroman Buick rivera an einer anderen modellhaften Konstruktion ausgetobt hat: dem satanisch bösen „Serben“ und dem antriebslos hilflosen „Muslim“, die am Ende des Romans durch das Verschwinden des zweiten eine seltsame Transformation des ersten in sein pathologisch begehrtes Opfer durchleben werden. Nicht nur durch seinen Titel, der erneut ein Auto benennt und es auch symbolträchtig zur Figurenpsychologisierung benutzt, wird Freelander als Variationen auf das gleiche Thema oder als Fortsetzung, Weiterspinnung, Folgeprojekt von Buick rivera lesbar. Die Hauptfigur in Freelander – und dies ist es, was sich im Hintergrund dieser süß-sauren Satire abspielt – führt im zerrütteten Inneren (seinem Inneren, wie auch im Inneren des ihn über die Landstraße rüttelnden Volvos) einen letzten und letztlich lebensbedrohlichen Kampf um seine Identität – mit sich selbst.


So sehr Adum sich wünschen würde, „kroatisch“ zu sein, sich dazugehörig zu fühlen und klar national abgrenzen zu können – es gelingt ihm bis zuletzt nicht. Gerade sein Rassismus bzw. Nationalismus ist Symptom des unbewusst verdrängten, aber immer wieder an die Oberfläche tretenden Bewusstseins davon, dass keine „Kultur“ homogen ist. Anstatt aber ein hybrides Verständnis seiner Identität  als Reichtum zu erleben durchlebt der Protagonist eine letzte Tour de Force durch seine Psyche, verschließt sich – Sarajevo näher kommend – immer mehr vor der eigenen, unausweichlichen „Multikulturalität“ oder „Hybridität“ (sein Name ist ein türkischer, sein Geburtsort liegt außerhalb des Grenzen des Staates in dem er lebt, in Kroatien wegen dem Duktus seiner Sprache als „Bosnier“ wahrgenommen, ist er in Bosnien für alle der „Kroate“, das Land in dem er aufwuchs existiert nicht mehr...) und wird am Ende von Alltagsrassimus gebeutelt und hochgradig (alters-)paranoid in Sarajevo sterben.


Das Buch erlebte einen geradezu großartigen Erfolg bei deutschsprachigen Kritikern bzw. im Feuilleton. Mit Freelander mutiert nicht nur die – berechtigte – Aussage zur Floskel, dass Jergović ein brillanter Erzähler sei, sondern auch die Feststellung, man habe es hier mit einem Autor von Weltrang zu tun, der mal als europäisch, dann als osteuropäisch, balkanisch, vereinzelt auch als jugoslawisch bezeichnet wird. Jergović ist biografisch und thematisch ebenso ein Autor Bosniens wie Kroatiens, bleibt – obschon auch „Europa“ ein imaginärer Raum seiner Texte ist –, in seinen Stoffen und Figurenbiografien meist auf den Raum des ehemaligen Jugoslawien fixiert, entwirft die Biografien seiner Figuren – wie bewusst extremistisch deren Charaktere auch entworfen sein mögen – politisch einer antinationalistischem Positionierung verpflichtet, ohne dabei politisch korrekt bleiben zu wollen. Gerade ein Verweigern „politischer Korrektheit“ und die Brisanz seines politischen Projekts, an dem er auch in seinen Kolumnen arbeitete, machten ihn nicht nur zum favorisierten und gleichermaßen gehassten „opinion maker“ in Kroatien, sondern auch zum bestrezipiertesten „heimischen“ Autor in Kroatien, Bosnien und Serbien. Der Autor kann Ausgaben seiner Bücher nicht nur in Kroatien vorweisen, wo er heute lebt, sondern eben auch in Bosnien und Serbien, keineswegs selbstverständlich für die nach dem Krieg getrennten Buchmärkte. Angriffe auf den Autor seitens rechtskonservativer Kräfte (zu serbien- und islamfreundlich sei er) gehören fast schon zum Inventar dieser Erfolgsgeschichte und ändern nichts daran, dass er gleichzeitig als erfolgreichster Autor gefeiert wird. So kommentierte er etwa bei der Präsentation von Freelander in Kroatien, er habe einen "štrukl Skandal" heraufbeschworen, und bezieht sich dabei auf die Textstelle, in der er den štrukl, der im Buch als Objekt kroatischen Nationalstolzes inszeniert wird, als primitives und obendrein unkroatisches Essen bezeichnet (wie er generell in ähnlichen Textstellen die Konstruktionen von Essen als nationales oder kulturelles Erbe wie auch andere nationale Mythen demaskiert).


Dinge verwandeln sich bei Jergović in Symbole; minutiös inszenierte und detailfokussierte Szenen erfreuen, indem sie von Abrechnungen mit nationalen Mythen gespickt sind; Popverweise und politische Pamphlete reihen sich in Inneren Monologen aneinander und gehen so perfide in auktoriale Rede über, dass ein Missverstehen eine(n) regelmäßig aus der Bahn wirft. Nicht umsonst betont Jergović auch mehrfach in Interviews ironisch, seine Meinung sei nicht mit jenen seiner Figuren gleichzusetzen. Auch weiß der Autor raffiniert Hebel der Unterschwelligkeit und Vieldeutgkeit zu drücken, etwa wenn er die sexuelle Symbolik abgeschnittener männlicher Gliedmaßen (Finger des Vaters) oder den türkischen Nachnamen des „kroatischen“ Rentners (Adum, so wird erklärt, kommt eigentlich vom türkischen „Hadum“ und heißt Kastrat – passend zur Kinderlosigkeit des Alten) mit einer phallusersetzenden Pistole und der sexuell überaktiven Mutter verbindet, die als Alzheimerkranke dann ihrem Sohn an den Kopf wirft, er lebe ja gar nicht, sie habe ihn damals abgetrieben. Das ist nun schließlich auch das Enttäuschendste nicht nur an diesem Roman des Autors, sondern an vielen seiner Texte: Jergovićs Welt ist männlich, Frauenfiguren fallen durch Abwesenheit oder ihre Klischeehaftigkeit auf, sind blass entworfene Randfiguren, nie Hauptprotagonistinnen oder aber stereotypisierte Modelle (von Müttern, Großmüttern und Ehefrauen) – wiewohl diese Modellhaftigkeit auch für viele Männerfiguren gelten muss. Der inszenierte  Autofetischismus fügt sich hier wohl ein.


Man möchte aber doch unweigerlich eine ganze Ladung von Zitaten aus dem Roman bringen, damit seine formal wie thematisch gut gewebten Tricks und Pointen ihn als gekonnten Erzähler ausweisen. Die Auswahl fällt so schwer, dass man es wieder sein lässt.

 

Das Auto, der  "Freelander", Chiffre des Kontos einer Bank, wird zur Identitäts-Leerstelle Adum selbst, dem ungewollt Staatenlosen. Und dieser Staatenlose, ausgerechnet ein hilfloser, frisch verwitweter Rentner , kommt als Figur zum Einsatz, die es gleichermaßen schwer macht, ihn als das ultimative Böse und gnadenlos dumm rassistische Subjekt zu lesen, wie sie andererseits auch nie gänzlich erlaubt, ihm großes Verständnis entgegenzubringen. Ja, in seiner Zwiespältigkeit wird Adum zum idealen Vorführobjekt dessen, womit Jergović in seiner Road Novel irritieren will: Da zieht diese Figur über das „Kroatentum“ her,  hasst die „Serben“, erlebt das „Kyrillische“ gleichzeitig als „die Schrift des Todes und der Minenfelder“ aber auch als jene Schrift, in der die besten Bücher über Dubrovnik geschrieben wurden, wie der Historiker in ihm doch kommentieren muss. Aber auch gegen den Islam, gegen die Amerikaner, gegen die Polen wütet der alte herzschwache Mann, und bekommt vom Autor eine so deprimierende Biografie verpasst, dass die Dämonisierung seines Charakters doch wieder nicht funktioniert: Kindheit im Zweiten Weltkrieg, überdominante Mutter, verrückt gewordener Vater, Vertriebensein, Kinderlosigkeit, erfolglose Karriere, soeben erlebter Tod der Frau. Als grandioser Verdrängungsmeister ist er stolz darauf, Dinge, die er nicht mag, einfach vergessen zu können – ausgerechnet als ehemaliger Geschichtslehrer. Auch dies also ein weiterer Trick des Autors, der auf die problematische Konstruktion von „Nation“ verweist: Nur das Vergessen widersprüchlicher historischer Fakten und v.a. das Ignorieren von Migrationsprozessen nicht nur auf „balkanischer Erde“ seit Jahrhunderten ermöglichen einen dogmatischen Glauben an ein ethnisch homogenes „Volk“ samt essentialistischem Kulturbegriff, das mit dazugehörigem „Boden“ in Zusammenhang gebracht werden kann. Dass ausgerechnet vergessende, also Fakten selektierende und kanonisierende Historiker und die Wissenschaften an diesen nationalen Mythen, dem nation building, mitbasteln, wird an der Figur durchgespielt.


Das politische Projekt, das Jergović verfolgt, ist u.a. die Propagierung eines Erlebens von Identität, das auf Durchlässigkeit und Lust am Spiel setzt. Dieses Projekt, das auf Heterogenität und hybride Identität setzt, äußert sich nicht nur in den systematisch widersprüchlichen Identitätsentwürfen seiner Figuren, sondern auch in polemisch-subversiven politischen Positionen, die der Autor entweder diesen Figuren in den Mund legt, in autopoetologischen Aussagen oder in Interviews von sich gibt. Wenn Jergović seinen in Bosnien geborenen serbischen Kollegen Vladimir Pištalo, der mit Millenium in Belgrad (Dittrich, 2011) im Rahmen des Serbienschwerpunktes auf Deutsch übersetzt wurde, rezensiert, und in einer begeisterten Besprechung über das Buches Venedig ausgehend von einer Textpassage schreibt, dass nur jene Grenzen perfekt seien, die mit persönlichen und Familiengeschichten gezogen wurden, also ausschließlich individuell gestaltetevorbei an der Logik nationaler und in sich amorpher Kollektive[1], ist dies zugleich sein persönliches, politisches und autopoetologisches Bekenntnis: Die Texte Jergovićs sind eben solche Grenzziehungen – individuelle, den Raum des ehemaligen Jugoslawiens wie auch Europas vermessend, und gegen Zwänge des (nationalen, religiösen) Kollektivismus oder rassistisch-nationalistischer Kulturmodelle gewendete.

 

Aber weder belehrend noch einschläfernd bleiben seine Texte, bleibt auch Freelander dabei. Vielmehr ist es „filmreif“ gestaltet, und durchaus als spannendes Filmszenario für ein (wach)rüttelndes Roadmovie durch Bosnien vorstellbar. (Buick rivera, der „Partnerroman“, hat es bereits auf die Leinwand geschafft und den Preis des Sarajevoer Filmfestivals eingeheimst). Denn es ist bestechend, mit welcher Lakonie und groß(artig)en Ladung von schwärzestschwarzem Humor hier kleine und große Szenen entworfen und der Sehnsucht des Autors nach den scheinbar so schwer zu ziehenden perfekten Grenzen, vorbei an der Logik nationaler und in sich amorpher Kollektive, ein literarisches Denkmal gesetzt wurde.

 

 

 

[1] Jergović, Miljenko: Savršene granice mogu biti iscrtane samo ličnim i porodičnim pričama [Perfekte Grenzen können nur mit persönlichen und Familiengeschichten gezogen werden], Danas, Belgrad, 27.-28. August 2011

 

 

Rezension von: Miljenko Jergović: Freelander. Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert. Frankfurt. Schöffling 2010

 

Elena Messner, September 2011