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„Mir scheint, als Sommerkellnerin an einem Stadtstrand kann ich meine Würde eher bewahren"

Rezension von Gianna Zocco

Der einzige Mann auf dem Kontinent ist ein Roman, aus dem man am liebsten unentwegt zitieren würde. Etwa wenn es darum geht, den Protagonisten Darius Kopp in einigen wenigen, prägnanten Sätzen vorzustellen:

 

Er ist ein korpulenter Mann, 106 Kilo bei 178 cm Körpergröße, zum Glück ist das meiste davon Knochen, der Rest konzentriert sich in der kompakten Halbkugel eines Bauches, fest und glatt wie der Bauch einer Schwangeren, und darüber, leider, einpaar Männertitten, aber sie sagt, sie liebt mich, wie ich bin, und es gibt keinen Grund, ihr nicht zu glauben.“ (S. 7)

 

Die Leichtigkeit, mit der die Autorin in diesem Beispiel zwischen auktorialer und personaler, hier sogar Ich-Perspektive wechselt – und es finden sich einige solcher erzähltechnischer Sprünge in diesem Roman – korrespondiert mit der Leichtigkeit und Schnelligkeit, die Kopps Leben auszeichnet. Dabei wird uns zunächst alles sehr geordnet präsentiert: Erzählt wird der Verlauf einer Woche im Leben von Darius Kopp, wobei jedes Kapitel einem Tag entspricht, und zusätzlich gegliedert ist in die Teile „Der Tag“ und „Die Nacht“. Klar geregelt wie die Abfolge der Kapitel ist auf den ersten Blick auch das Leben von Darius Kopp: Er hat eine Ehefrau – die aus Ungarn stammende Flora – und arbeitet in einem großen Bürogebäude als einziger Vertreter einer IT-Firma auf dem europäischen Kontinent, Berufsbezeichnung: „Sales and regional sales manager in the D/A/CH region and Eastern Europe, in Diensten von Fidelis Wireless, the global pioneer in developing and supplying scalable broadband wireless networking systems for enterprises, governments and service providers“. (S. 23)


Kopp ist ein stabiler, unkomplizierter Pragmatiker, einer, der nie genug von gutem Essen bekommt und den Tag am liebsten mit ausgiebigem Internet-Surfen auf der Terrasse beginnt.  Für ihn, so Terézia Mora im Interview, „ist eine Rose eine Rose. Seine Fragen sind: Kann ich das aufessen? Kann ich das kaufen? Kann ich es für meinen Beruf benutzen? Ganz pragmatisch: Wozu ist dieses Ding gut? Und nicht: Was ist das Wesen dieses  Dings?“ [Terézia Mora im Interview mit Frauke Meyer-Gosau: „Wahrscheinlich bin ich eine Männerroman-Schreiberin.“ Über Geld und Liebe, über Gucky, den Mausbiber, und die Eigentümlichkeiten der ITWelt. In: Literaturen, Heft 09/2009, S. 44. 2 Mora, Terézia: Über die DRASTIK. In: BELLA]


Was kann einem Menschen wie Kopp Schlimmes passieren? In ihrem Essay Über die Drastik beschreibt Terézia Mora den Anspruch, den sie an ihre Kunst stellt:

 

Quasi angetrieben von der Energie, die in der Empörung liegt, strebe ich dorthin, „wo es weh tut“, denn alles davor schiene mir nicht weit genug gegangen. Kunst muss, nach Moras Definition, weit genug gehen. Ob weit genug gegangen worden ist, merken wir daran, ob wir es als zu nah empfinden, als innerhalb unserer Sicherheitszone. Weit genug gehen heißt, jemanden zu berühren. Jemanden zu berühren heißt, eine Überschreitung zu begehen. Diese Überschreitung können wir auch Drastik nennen. [Mora, Terézia: Über die DRASTIK. In: BELLA triste Nr. 16, Herbst 2006.]

 

In ihrem 1999 erschienenen Erzählband Seltsame Materie fand diese Überschreitung, so Mora weiter, über die Leiblichkeit, die Schilderung von körperlichem Sc hmerz statt. In der Welt von Darius Kopp ist aber alles Körperlich-Konkrete in den Hintergrund getreten gegenüber dem globalen und virtuellen Vernetzt-Sein. Vielleicht stellt in dieser Welt der Verlust des Gefühls, die Dinge in der Hand zu halten, der Verlust von Stabilität und Sicherheit – nicht ganz zufällig bezeichnet Kopp die Sicherheit von drahtlosen Netzwerken als sein Spezialgebiet – die stärkste und angemessenste Art von Drastik dar. Tag für Tag, so kann man sagen, wird ein weiteres Stück der Fragilität von Kopps Welt sichtbar, verliert Kopp ein Stück mehr den Überblick über das, was um ihn herum passiert. Es beginnt damit, dass er ein Paket mit 40.000 Euro ins Büro geliefert bekommt und dass er sich am Wochenende, das er seiner von ihrer Arbeit in einer Strandbar gestressten Frau zuliebe in einem Haus im Grünen verbringt, mit dem Rad im Wald verfährt – einschließlich einer Begegnung mit herbeiphantasierten „mannsgroßen, wütenden Wildschweinen in Verteidigung ihrer Brut und ihres Territoriums“ (S. 115), die sich als verängstigtes Reh entpuppen. Und es endet damit, dass er seine Arbeit verliert und seine hypersensible Frau einen Zusammenbruch erleidet.


Und wie reagieren wir als LeserInnen auf diese großen und kleinen Probleme? Wir können uns das Lachen nicht verkneifen, etwa wenn Kopp die Krise seiner Frau durch sein verspätetes Heimkommen unabsichtlich verschärft:

 

Er versuchte, leise zu sein. Leider hatte der Nachbar, wie es seine verabscheuungswürdige Gewohnheit ist, seinen nach Schimmel und Zigarettenkippen stinkenden Hausmüll vor die Tür gestellt, leider stolperte Kopp darüber, weil er plötzlich dringend aufs Klo musste, und sich nicht mehr richtig koordinieren konnte, leider musste er darüber laut fluchen, leider fiel ihm in der Hektik der Schlüsselbund aus der Hand und kam mit einem Höllenlärm auf der Schwelle auf … an dieser Stelle ging die Tür von innen auf. Hallo, Schatz, entschuldige, ich muss dringend! Er rannte an ihr vorbei, den Flur entlang, die Sohlen seiner Walkingschuhe quietschten auf dem Parkett, […]. An dieser Stelle hörte er, wie die Eingangstür ins Schloss fiel. (S. 331)

 

Es ist jedoch in den seltensten Fällen ein Lachen über Kopp, sondern meistens ein mitfühlendes, verständnisvolles Lachen, denn Kopps Welt ist ja die unsere, auch wenn wir nicht IT-Experten sind. Inmitten des großen Themas der Globalisierung mit unerreichbaren Chefetagen und undurchschaubaren Entwicklungen fängt Terézia Mora Momente des alltäglichen, normalen Lebens ein, schildert zum Beispiel auf brillante Weise, wie ein verschüttetes Glas Orangensaft Kopps gute Laune zerstört. Nicht zuletzt dank solcher Szenen sind wir auf der Seite von „Verdrängungsweltmeister“ [Terézia Mora im Interview mit Frauke Meyer-Gosau, S. 45.] Kopp, sind zwar vielleicht genervt von seiner chaotischen Art und seiner Blindheit gegenüber den Gefühlen seiner Frau Flora, aber wünschen ihm letztendlich, dass er die Dinge wieder in den Griff bekommt.

 

Die Figur der Flora ist dabei wichtig nicht nur insofern, als das Thema der Liebe Kopps Persönlichkeit einige Facetten hinzufügt, sondern auch als Gegenpart zu Darius Kopp. Wie Terézia Mora stammt Flora aus Ungarn, hat Geisteswissenschaften studiert, versucht sich nebenbei als Übersetzerin, hat sich jedoch nach einigen demütigenden Erfahrungen von der hauptberuflichen Arbeit im Kulturbereich verabschiedet: „Mir scheint, als Halbtagskraft in einem Bioladen, als Aushilfe auf dem Markt, in einem Coffeeshop oder als Sommerkellnerin an einem Stadtstrand kann ich meine Würde eher bewahren.“ (S. 11) Trotz der Verschiedenheit ihrer Handlungsmotive und Ansichten verbindet Flora und Darius Kopp – neben der Liebe zueinander – ihre Arbeitssituation. Terézia Mora: „Flora stellt einen Typus der prekär Beschäftigten dar, Darius in seinem Bereich einen anderen. Aber er ist noch nicht in  der realen Situation angekommen.“[Ebd., S. 46.]  Diese Parallelität der Erlebnisse von Darius und Flora erhöht die Relevanz von Moras Roman und erlaubt es, eine die verschiedenen Lebens- und Arbeitsentwürfe gleichermaßen betreffende Kernfrage zu erkennen, die sich den Protagonisten – und uns selbst – am Ende des Romans stellt: Wie wollen wir selbst sein? Oder, in den Worten von Terézia Mora:

 

Was kannst du machen in deinem Leben? Alles bricht zusammen, und du fängst wieder von vorne an. Natürlich mit der Hoffnung, dass du es in der nächsten Konstellation vielleicht ein bisschen besser machst. Aber das ist die Frage: Wird Darius wieder in so eine Firma eintreten und das ganze Spiel von vorne anfangen? Oder macht er einen Schnitt und unternimmt mal selbst was? [Ebd. S. 46.]

 

Rezension von: Mora, Terézia: Der einzige Mann auf dem Kontinent. Roman.
München: Luchterhand, 2009.

 

Gianna Zocco, Wien 2010