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Ein Puzzletext über die Überlast der Erinnerung

Rezension von Elena Messner

Mit den Zwischentiteln Allegro, Largo Cantabile, Allegro non molto strukturiert Vladimir Tasić seinen Roman in drei Sätzen – so der Untertitel – in dem wir die seltsame Geschichte eines Abschiedsgeschenk(s) – so der Titel – erleben. Erzählt wird hier zunächst ein scheinbar völlig gewöhnlicher Tag im Leben des Ich-Erzählers, einem aus Serbien nach Kanada emigrierten Wissenschaftlers: An diesem Tag im Dezember 2000 überbringt ihm der Postbote in der Früh die Urne – eine „ganz prosaische Blechschachtel“ mit Asche, das titelgebende „Abschiedsgeschenk“– seines seit 12 Jahren verschwundenen Bruders, woraufhin der Erzähler zur Arbeit fährt und am Abend heimkehrt. Mehr ereignet sich nicht, zumindest äußerlich. Die Flut der Erinnerung, die aber seit dem Empfang der Dose im Erzähler losbricht, ist das eigentlich „Sich-Ereignende“ im Roman. Wir erfahren in der kurzen erzählten Zeit des – ebenfalls kurzen – Romans zwei Leben: das des verstorbenen und das des lebenden Bruders.


Damit konfrontiert uns der Autor mit jener fast paradigmatischen Erzählsituation, die in der postjugoslawischen Literatur der „Diaspora“ wiederzukehren scheint: Am Gegenständlichen, Dinghaften entzündet sich die Erzählung, deren Gegenstand das an diese Dinge gebundene Vergangene, Verlorene, oder Verstorbene ist. Eine ähnliche Erzählsituation und die Überlast an Erinnerung in den Texten, die einem wie auch immer begründeten und gearteten „Exil“ zuzuschreiben ist, findet sich etwa bei Autoren wie dem ebenfalls in Kanada lebenden serbischen Autor David Albahari (in „Mutterland“ sind es etwa die Kassetten mit Aufnahmen der Mutter, welche die Rolle der Proust´schen „madleine“ übernehmen), beim in Deutschland und Kroatien lebenden serbischen Autor Bora Čosić (in „Die Zollerklärung“ ist es die Situation an einer imaginären Zollstation, die den Erzähler veranlasst, eine „Inventarliste“ seines ganzen Lebens und Denkens zu Papier zu bringen), oder bei der kroatischen Autorin Dubravka Ugrešić, deren Erinnerungserzählungen stark vom „Ding-Dokumentarismus“ geprägt sind.


Doch zurück zum Abschiedsgeschenk, das bei aller Gemeinsamkeit bezüglich des  erzählerischen Anlasses diesen postjugoslawischen Erinnerungstexten eine sehr eigenwillige und faszinierende Erzählung hinzufügt. Die Informationen über die Vergangenheit erreichen uns nicht kausal geordnet oder chronologisch, vielmehr werden wir in wiederkehrenden Erzählschleifen der persönlichen Erinnerungen stückchenweise unser Puzzle zusammensetzen, das am Ende etwa so aussehen könnte (brutal chronologisch und seines Zaubers beraubt wiedergegeben): vor zwölf Jahren verschwand nach einem alkoholisierten Abend der jüngere, nun verstorbene Bruder für immer aus Novi Sad, der Heimatstadt des Geschwisterpaares. Wenig später verließ auch der Ich-Erzähler Serbien, die zurückgelassenen Eltern verkrafteten den Weggang der beiden Söhne nur schwer. Die Mutter fand einen Ausweg aus ihrer Trauer um den ersten verlorenen Sohn, indem sie ihn sich schlicht an die Seite des nach Kanada emigrierten Sohnes dachte. Kurz darauf bricht der Krieg in Jugoslawien aus, ein Land, das nur noch in der Erinnerung des Ich-Erzählers existiert, der in Kanada seine töpfernde Frau – die sich nicht als Künstlerin bezeichnen lassen möchte – kennen lernt und sein Lebens als „technischer Berater in einer Firma, die Bildungssoftware für Medizinstudenten entwickelt“ (S. 8) verbringt.


Die Erinnerungen des Tasić´schen Ich-Erzählers sind aber jenseits des als plot Nacherzählbaren großteils ein intimes Portrait des verschrobenen genialischverrückten jüngeren Bruders, ein ironisch-fanatischer Nietzscheleser, ein unangepasster Klassenüberspringer, ein ewiger Student aller Studienfächer, ein klassisches Genie nah am Wahnsinn. „Nein: Ich versuche hier nicht, nach dem Vorbild drittklassiger Hagiographie eine Legende zu schaffen“ (S. 29), meint der Ich-Erzähler, aber ein bisschen Bruderkult lässt sich kaum leugnen: Deutsch, beispielsweise, lernte er aus Pornofilmen. Er begann mit Ausdrücken wie Jetzt! Jetzt! und Ich bin geil! Und ging dann ganz natürlich zu Schlegels Lucinde über. In etwas weniger als einem Jahr schrieb er eine nicht unbemerkt gebliebene Seminararbeit zum Thema der semantischen Unbestimmtheit des Wortes „bedingt“ bei Marx. (S. 19)

 

Die Wiedergabe der sehr eigenwilligen und stets ironischen Weltsicht des Bruders durch den erneut ironisierenden Blick des Ich-Erzählers macht einen Gutteil des Buches aus und amüsiert sehr, wird dabei immer wieder verwebt mit anderen Elementen – Erlebnissen, dem Alltag des Ich-Erzählers oder dessen Ehe, Interpretationen der Weltgeschichte und der Weltliteratur. So drehen wir uns mitdenkend und mitfühlend ständig im Kreis, bis wir am Ende plötzlich „leer“ dastehen, bis die eben noch in Schwung gewesenen Überlegungen mit einer erzählerischen Überraschung dieses Gedankenkreisen stoppen, bis das letzte Puzzlestück hinzugefügt wird, der Text mit unserem fast erschreckten Luftschnappen endet und der Ich-Erzähler Schriftsteller, die Erinnerung Text geworden ist.


Rezension von Vladimir Tasić: Abschiedgeschenk. Roman in drei Sätzen. Aus dem Serbischen von Patrik Alac. München: SchirmerGraf 2007.

 

Elena Messner, Belgrad 2010